Letztes Update am Do, 01.06.2017 04:10

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gesundheit

Stickoxid-Ausstoß von Autos viermal höher als gedacht

Eine Studie der Uni zeigt, dass in Innsbruck der Verkehr für über 80 Prozent der Luftschadstoffe verantwortlich ist. Das Ergebnis überrascht auch die Autoren.

© dpa/Ulrich Perrey(Symbolfoto)



Von Marco Witting

Innsbruck – Lakonisch könnte man sagen: Feinstaub, Stickoxide und Dieselmotoren sind schon sehr lange in aller Munde – dieser Tage aber ganz besonders. Doch angesichts einer neuen Studie der Uni Innsbruck wird wohl vielen der Mund offen bleiben. Denn geht es nach diesen Ergebnissen, dann wurde der Verkehr als Verursacher von Stickoxiden bis dato „drastisch unterschätzt“. In Wahrheit dürften vor allem Diesel-Motoren viermal mehr Schadstoffe ausstoßen, als man bisher angenommen hat.

Zweifel an den Stickoxidwerten gibt es spätestens seit den Diesel-Skandalen. Bisher hat man Abgaswerte von Prüfständen hergenommen und diese hochgerechnet. Das Innsbrucker Team rund um Physiker Thomas Karl vom Institut für Atmosphären- und Kryosphärenwissenschaften hat ein spezielles Messverfahren ermittelt, das die tatsächlichen Luftschadstoffe in einem bestimmten Gebiet misst, deren Quellen bestimmen kann und das im Stadtzentrum der Landeshauptstadt umsetzt. „Wir bestimmen an unserer Messstation kontinuierlich die Konzentration von Kohlendioxid, Stickoxiden und flüchtigen organischen Verbindungen. Dabei werden pro Stunde 36.000 Datenpunkte erfasst“, erklärt Karl.

Aus den Messdaten können die Wissenschafter mit Hilfe von statistischen Methoden auf die Emissionen im Umkreis von rund einem Kilometer schließen. Die Auswertung einer dreimonatigen Messreihe im Jahr 2015 – die nun in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlicht wurde – förderte zwei Hauptquellen der Schadstoffkonzentration in der Innsbrucker Luft zutage: Verkehr und Hausbrand. Doch der Verkehr soll für über 80 Prozent der Stickoxide im Umkreis der Messstation an der Universität verantwortlich sein. Ein Großteil davon kommt aus Dieselfahrzeugen. Das Ergebnis sei für Innsbruck repräsentativ und habe ihn „insofern überrascht, als der Verkehr so dominant ist und viele Modelle die Emissionen immer noch drastisch unterschätzen“, sagt der Wissenschafter. Letztlich heiße das, dass die tatsächlichen Abgaswerte bis zu viermal so hoch sein können, wie bisher angenommen.

Stickoxid ist in hohen Konzentrationen giftig und deshalb als Luftschadstoff eingestuft, es ist aber auch für die Bildung von bodennahem Ozon mitverantwortlich. Grenzwerte sollen die Emissionen eindämmen. Allerdings liegt der Innsbrucker Durchschnittswert für Stickoxid 36-fach über dem neuen Luftreinhaltestandard in den USA. Für die Studienautoren trage das Ergebnis dazu bei, die Herkunft der Schadstoffe besser zuzuordnen. Gegenwind für die Studie seitens der Autoindustrie erwartet Karl unterdessen nicht. Technisch funktioniere die Abgasreinigung bei Benzinfahrzeugen „schon sehr gut“. Bei Diesel werde intensiv geforscht. Für städtische Gebiete sollte nicht außer Acht gelassen werden, die Busse im öffentlichen Verkehr zu modernisieren.

In Zukunft wollen die Wissenschafter mit ihrem Verfahren den Einfluss mit einer Messstation im Unterinntal genauer untersuchen. „Für die Inntalautobahn wird prognostiziert, dass bis Ende 2017 mehr als 90 Prozent der Lkw auf Euro-6-Norm umgestellt sind. Man könnte durchaus erwarten, dass die Emissionswerte entlang der Autobahn schon etwas besser liegen. Letztendlich würde sich unsere Methode anbieten, um das auch experimentell detailliert überprüfen zu können.“

Für LHStv. Ingrid Felipe (Grüne) zeigen die Ergebnisse der Studie den Handlungsbedarf bei diesem Thema. Felipe fordert erneut einen strengeren Umgang mit Dieselfahrzeugen und ein Ende der steuerlichen Privilegierung.