Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 20.09.2017


Standort Tirol

Erntehelfer klagen Bauern

Fünf Drittstaatler, die sich von einem Thaurer Landwirt mit zu geringen Löhnen abgespeist fühlen, klagen über die Gewerkschaft PRO-GE ihre Ansprüche ein.

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© Hammerle(Symbolfoto)



Von Alexandra Plank

Thaur — Seit 1. März liegt in Tirol ein eigener Kollektivvertrag für Erntehelfer im Gemüse- und Obstbau vor (siehe Factbox unten). Rund 1100 Erntehelfer sind in Tirol tätig. Josef Schirmer, Obmann der Tiroler Gemüsebauern, hatte diese Neuregelung in einem Interview mit der Tiroler Tageszeitung als „Sensation" bezeichnet. Er machte auch klar, dass bei künftigen Auseinandersetzungen zwischen Erntehelfern und Landwirten dieser Kollektivvertrag als allgemein gültiger Maßstab herangezogen werde. „Schwarze Schafe" werde man nicht mehr dulden.

Tatsächlich scheinen klare Regelungen notwendig zu sein. Die Gewerkschaft PRO-GE bringt dieser Tage Klage gegen einen Thaurer Gemüsebauern im Auftrag von fünf Arbeitern aus Drittstaaten ein. Der zuständige Sekretär der Gewerkschaft PRO-GE und Vorstandsmitglied der Arbeiterkammer Tirol, Bernhard Höfler, erklärt, es habe bereits Gespräche mit dem betroffenen Unternehmer und dessen Anwalt gegeben, dennoch sei es nicht möglich gewesen, die Situation zu deeskalieren und zu einer außergerichtlichen Lösung zu gelangen. „Der Landwirt vertritt den Standpunkt, er habe den Arbeitern alles abgegolten. Nun werden sie auch noch dazu aufgefordert, ihre Quartiere in Thaur zu verlassen."

Die Gewerkschaft PRO-GE wird den Erntehelfern nun eine Unterbringung als Übergangslösung organisieren. Im Fall der betroffenen Erntehelfer seien nicht nur die Ruhezeiten ignoriert worden, sondern auch der kollektivvertragliche Mindeststundenlohn wurde nicht ordnungsgemäß bezahlt. „Aus den Arbeitsaufzeichnungen der Erntehelfer ist klar ersichtlich, dass es sich hier seit Jahren um Lohn- und Sozialdumping handelt, dem sie ausgesetzt waren", so Höfler. Der beschuldigte Landwirt konnte telefonisch nicht erreicht werden, sein Anwalt gab bis Redaktionsschluss keine Stellungnahme ab. Die unzureichende Entlohnung der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft hatte in den vergangenen Jahren immer wieder zu Konflikten geführt. Im Mai vergangenen Jahres kam es dann zu einer richtungsweisenden Entscheidung im Absamer Ernte­helferskandal. Man einigte sich auf Vergleichszahlungen in der Höhe von 8750 bzw. 3600 Euro netto als „freiwillige Abfertigung des Dienstgebers". Der Fall war im Herbst 2014 publik geworden. Laut Gewerkschaft PRO-GE mussten zwei Rumänen sieben Tage in der Woche arbeiten, die wöchentliche Arbeitszeit betrug bis zu 83 Stunden für 660 Euro netto in bar.

„Dieser Fall wird in Bezug auf die Ansprüche in diesem Bereich angesiedelt sein", hält Höfler fest. Er kündigte an, dass sich die Arbeiter am Freitag, den 22. September, persönlich an die Presse wenden werden. Josef Schirmer, Obmann der Gemüsebauern, stellt einmal mehr klar, dass Lohn- und Sozial­dumping nicht geduldet werde. „Es geht einfach nicht, dass Einzelne immer noch glauben, dass sie sich an keine Gesetze halten müssen. Wir haben einen guten Kollektivvertrag ausverhandelt. Wenn man den Helfern das bezahlt, was ihnen zusteht, machen sie keine Probleme und auch für die Bauern ist das finanziell machbar." Nun seien leider wieder einmal die Gerichte am Zug.

Kollektivvertrag

Eigener Vertrag. Seit 1. März ist ein eigener Kollektivvertrag für Arbeitskräfte im Obst- und Gemüseanbau in Kraft. Bisher wurden diese Feldarbeiter laut dem Kollektivvertrag für Gärtner entlohnt.

Geld. Der Vertrag sieht eine Lohnsteigerung von 7,5 Prozent für die Saisonarbeiter vor. Andererseits werden die Arbeitszeiten flexibler. Es wurde die Möglichkeit des Akkordlohns eingeführt — die Entlohnung muss zumindest 10 Prozent über dem Zeitlohn liegen.

Flexibilisierung. Mit dem neuen Kollektivvertrag ist auch ein wochenweiser Zeitausgleich für vorher geleistete Mehrarbeit möglich. Durch die Aufnahme des Schichtbetriebs können künftig erforderliche Kultur- oder Erntearbeiten innerhalb der Normalarbeitszeit durchgeführt werden. So können etwa im Sommer Arbeiten in die kühleren Morgen- und Abendstunden verlegt werden.

Schwarze Schafe. Auch von Bauernseite wurde auf die neue Regelung gedrängt, um Lohn- und Sozialdumping in diesem arbeitskräfteintensiven Bereich zu minimieren. Die „schwarzen Schafe" hätten der Landwirtschaft bereits enorm geschadet, hieß es damals von Seiten der bäuerlichen Vertreter.