Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 29.05.2018


Standort Tirol

„Tourismus muss sich ändern“

Arbeitskräfte aus der Region wünscht sich die Tourismusbranche. Dazu müsste sich das Gastgewerbe ändern, sagen Experten bei einer Veranstaltung der Arbeiterkammer.

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Innsbruck – „Tourismus muss wieder begeistern“, sagt Elide Mussner-Pizzinini vom Hotel „La Perla“ in Corvara. Sie ortet eine starke negative Grundstimmung in der Branche. Um die Stimmung im eigenen Unternehmen zu heben, stellt die „La Perla“ Gruppe den Menschen in den Mittelpunkt. Die Theorie der Gemeinwohl-Ökonomie werde umgesetzt, Menschenwürde, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Transparenz werden im Unternehmen großgeschrieben. Trotzdem gebe es auch im Hotel in Corvara im saisonalen Bereich eine starke Fluktuation.

Für Mussner-Pizzinini sind wechselnde saisonale Tourismusangestellte aber eine logische Folge, denn: „Mitarbeiter, die von außen in Tourismushochburgen kommen, arbeiten nur und wollen dann wieder weg.“ Denn Tourismushochburgen seien „Geisterstädte“. Außer Tourismus gebe es nichts.

Über Fächkräftemangel im Tourismus wird viel geklagt, das Arbeitsmarktservice (AMS) findet kaum Inländer, die in die Tourismusbranche arbeiten wollen, derzeit floriere die Wirtschaft, also stehe der Tourismus in Konkurrenz mit anderen Branchen, erklärt Tirols AMS-Chef Anton Kern. Und er spricht klar aus: „Um heimische Arbeitskräfte zu bekommen, muss der Tourismus mehr für die Mitarbeiter tun.“ Denn nur ein Drittel der Betriebe strenge sich an, von zwei Dritteln der Betriebe gebe es negative Rückmeldungen von Arbeitskräften – „da passt dann etwas nicht“. Kern fordert in der Tourismusbranche ein „Klima, das für die Mitarbeiter attraktiver ist“. Gefragt seien Möglichkeiten der Kinderbetreuung ebenso wie ein wertschätzender Umgang und Karriereperspektiven. Auch die Fünftagewoche solle öfter möglich sein, die Möglichkeit von Kurzurlauben auch innerhalb der Saison Erholung bringen. Florian Werner, Hotelier in St. Christoph, sorgt sich jedes Jahr, ob seine Belegschaft passt. Er richtet sich auch nach den Wünschen des Personals: „Wenn jemand sagt, er will nur im Jänner und Februar arbeiten, dann nehme ich ihn und suche jemand anderen für Dezember und März.“ Trotzdem würden die „Personalkosten ihn auffressen“. Deshalb müsse bei den Personalkosten gespart werden, an der Anzahl der Mitarbeiter, nicht am Gehalt von hochqualifizierten Mitarbeitern.

Die Experten sind sich einig: Der Tourismus müsse sich ändern. Schließlich sei der Tourismus eine Schlüsselbranche für Tirols Wirtschaft. Rund 3 Mrd. Euro an direkter Wertschöpfung generiert der Tourismus, weitere 2,8 Mrd. Euro werden indirekt erwirtschaftet. Allerdings wirkt die hohe Zahl an ausländischen Arbeitnehmern (ca. 50 %) auch auf Tirols Wirtschaft aus: „Viel an Einkommen und damit an Kaufkraft fließt aus Tirol ab“, sagt Ökonom Stefan Aigner.

Der Nachwuchs für gute Jobs im Tourismus müsse gepflegt werden. Denn die Jugend wolle nicht mehr als 40 Stunden arbeiten, nicht jedes Wochenende und nicht immer am Abend. Diskutiert werden müssten Teilzeit- bzw. Job-Sharing-Modelle. Kleine Tourismusbetriebe sollten gemeinsam Kinderbetreuungseinrichtungen schaffen. Denn die qualifizierten Abgänger von Tourismusschulen arbeiten oft nach wenigen Jahren lieber im Einzelhandel. Gefordert wird eine positive „Tourismusgesinnung“. Außerdem kämen Investitionen in die Tourismuswirtschaft auch der Freizeitgestaltung von Einheimischen zugute. Gefordert wird eine genaue Erhebung über die Mitarbeiterzufriedenheit in der Branche. Dann könne gehandelt werden. (ver)