Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 10.06.2018


Wirtschaft im Gespräch

Chaletdörfer und Investoren treiben Grundpreise hoch

Markus Pollo, Geschäftsführer der Neuen Heimat, sieht in der Vertragsraumordnung ein Mittel, damit gemeinnützige Bauträger an Grundstücke kommen.

© Foto TT / Rudy De MoorNHT-Geschäftsführer Markus Pollo vor einem Wohnprojekt in Pradl in Innsbruck.Foto: Rudy De Moor



In den vergangenen zehn Jahren hat die Neue Heimat Tirol (NHT) rund 5000 neue Wohnungen gebaut. Kann es in dem Tempo weitergehen?

Markus Pollo: Von uns aus schon, doch Grund und Boden wird in Tirol immer knapper und teurer. Die Eigentümer halten möglichst Grundstücke im Eigentum. Daher steigt der Anteil an akquirierbaren Grundstücken auf Baurechtsbasis stetig. Allein im vergangenen Jahr lag dieser Anteil weit über 50 Prozent.

Wie könnten aus Ihrer Sicht Modelle aussehen, um verstärkt Grundstücke für gemeinnützige Bauträger zu generieren?

Pollo: Ein Hebel wäre die Vertragsraumordnung. Wir dürfen beispielsweise in Innsbruck höchstens 416 Euro an angemessenen Grundkosten pro Quadratmeter realisierbarer Wohnnutzfläche zahlen. In Top-Lage ging zuletzt ein Grundstück für fast 5000 Euro pro Quadratmeter über den Ladentisch. Da können wir Gemeinnützige nicht mehr mithalten. Aktuell nutzen wir unsere Grundstücksreserven der Südtiroler Siedlungen, die damals locker bebaut wurden.

Wie schätzen Sie die Entwicklung der Grundstückspreise ein?

Pollo: Den Traum vom Eigenheim — das Haus mit Grundstück von ca. 600 Quadratmetern — werden sich irgendwann nur noch sehr privilegierte Menschen leisten können. Die Grundstückspreise gehen weiter nach oben. Dazu leisten auch die Chaletdörfer und diverse Investorenmodelle ihren Beitrag.

Glauben Sie, dass durch die hohen Kosten fürs Wohnen und die gleichzeitig nicht adäquat steigenden Löhne und Gehälter ihre Klientel wächst?

Pollo: Wir in der NHT sehen, welchen Anteil wir für Grund und Boden sowie Baurechtszinsen mittlerweile aufwenden müssen. Das schlägt sich am Ende auch in der Miete nieder. Daher haben wir in den vergangenen fünf Jahren über 30 Millionen an Eigenmitteln verwendet, um Spitzenmieten bei der NHT abzufedern. Für jeden Bezirk wurden Maximal-Mietbelastungen festgelegt. Und von unseren Gewinnen, die wir laut unseren Kritikeren angeblich im Keller bunkern, fließen jährlich rund sechs Millionen Euro in die Begrenzung der Mieten, damit sich unsere Kunden auch zukünftig Wohnen leisten können. Die Schere zwischen dem Einkommen und den Belastungen des täglichen Lebens geht immer weiter auseinander. Ich gehe davon aus, dass der Anteil von bis zu 40 Prozent des Realeinkommens eines durchschnittlichen Haushaltes, der für das Wohnen aufgewendet wird, auch in Zukunft nicht kleiner wird. Die Altersarmut wird ein großes Thema unserer Gesellschaft werden: Wenn man heute im aktiven Erwerbsleben steht, kann man sich die Miete vielleicht leisten, aber wie sieht es später in der Pension aus?

Architekten werfen den Gemeinnützigen vor, dass in den Wohnanlagen die Wohnungen immer kleiner werden, eine Hühnerkäfighaltung um sich greift. Ist das korrekt?

Pollo: Das Problem ist vielschichtig. Seitens der öffentlichen Hand werden Vorgaben gemacht, wie groß eine 2- oder 3-Zimmer-Wohnung zu sein hat. Einerseits müssen wir barrierefrei gemäß diversen Richtlinien bauen. Die daraus resultierenden breiteren Gangflächen gehen zu Lasten der Zimmergrößen und beeinflussen somit die Wohnqualität. Andererseits soll die Gesamtfläche einer Wohnung nicht größer werden als vorgegeben, damit die Mietbelastung nicht steigt. In diesem Teufelskreis stecken wir leider.

Das Gespräch führte Frank Tschoner

Steckbrief

Markus Pollo: Der studierte Architekt und Betriebswirt hat am Anfang seiner Karriere bei der BOE Wohnbau „gelernt", war dann für ein Tochterunternehmen der Österreichischen Post AG in der Projektentwicklung tätig und vor seiner Selbstständigkeit entwickelte Pollo Handelsimmobilien für die international tätige ECE-Gruppe.

Neue Heimat Tirol: Im Bestand der gemeinnützigen Neuen Heimat Tirol sind 18.500 Wohnungen, davon rund 14.700 Mietwohnungen. Das jährliche Bauvolumen beträgt rund 130 Mio. Euro.