Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 16.09.2018


Exklusiv

Weer – Hochfügen mit Seilbahnprogramm möglich

Die Seilbahngrundsätze werden fortgeschrieben. Künf- tig sind Seilbahnanbindungen ohne Skipisten möglich, Weer – Hochfügen und Oetz – Kühtai die Knackpunkte.

© Thomas Boehm / TTSeilbahnanbindungen ohne eine Talabfahrt werden mit den Seilbahngrundsätzen künftig ermöglicht.Foto: Böhm



Innsbruck – 955 Seilbahn- und Liftanlagen sind jährlich in Betrieb. Die Skigebiete beanspruchen eine Fläche von rund 7300 Hektar, 5500 davon sind beschneit. Und die Skifahrer können auf 2400 Pistenkilometern ihre Schwünge im Schnee ziehen. Allein in der vorjährigen Wintersaison investierte die Seilbahnwirtschaft 293,6 Mio. Euro in die Erneuerung und Modernisierung, 65 Mio. Euro davon in die Beschneiung. Mit knapp 667 Millionen Euro erwirtschaften die Tiroler Skigebiete fast die Hälft­e des gesamten öster­reichischen Jahresumsatzes von 1,360 Milliarden Euro. So weit, so gut.

Ende der 1980er-Jahre rief der damalige Wirtschaftslandesrat und spätere Landeshauptmann Wendelin Weingartner (VP) allerdings eine Nachdenkpause für die Seilbahner aus, um eine Übererschließung des Landes zu verhindern. Ein eigenes Raumordnungsprogramm wurde verabschiedet, seither sind die Seilbahngrundsätze fixer Bestandteil der Raumordnungs- und Naturschutzpolitik. Und auch Reibebaum. Schließlich wird stets um Definitionen gerungen, weil keine Grenzen vorgegeben wurden. Zwar sind Neuerschließungen ausgeschlossen, doch in der Realität gibt es weiterhin Debatten darüber, wie nahe etwa eine Erweiterung einer Neuerschließung kommt; ob dazu Zubringerbahnen zählen oder um wie viele Gebirgskämme, Grate, Bergrücken oder Geländekammern das bestehende Skigebiet erschlossen werden kann.

Jetzt hat sich die schwarz-grüne Koalition nicht auf neue Seilbahngrundsätze geeinigt, sondern das bestehende Skigebietsprogramm wird lediglich fortgeschrieben. Dieser Tage geht es in Begutachtung. Vor allem für die Grünen war es einmal mehr ein Balanceakt, schließlich gab es doch einige Wünsche der von der ÖVP vertretenen Seilbahner: Im Mittelpunkt stehen dabei Zubringerprojekte wie Hochzeiger von der Pitztalstraße, Neustift – Schlick 2000 und Verbindungen mit neuen Pisten wie Hochoetz – Kühtai, Hochfügen – Tux mit Anbindung Pill/Weer sowie Sillian – Sexten.

Die Neuerungen: Künftig gibt es offiziell den Begriff Talabfahrt. Ein­e zentrale Rolle bei der Erweiterung von Skigebieten spielt die geographische Nähe. So gilt die Errichtung von Bahnen ohne Talabfahrt nicht als Neuerschließung, wenn die Talstation in räumlicher Nähe zu den zentralen Orten Imst, Innsbruck, Lienz, Kitzbühel, Kufstein, Schwaz oder Wörgl gebaut wird. Neu ist ebenfalls, dass die Standortgemeinde der Seilbahnstation ein Mitspracherecht erhält. Und bei Zusammenschlüssen ist die geographische Nähe dann gegeben, wenn „ein Tal und/oder Rücken und/oder bis zu zwei Gebirgskämme beansprucht werden“. Das heißt, dass die Skigebietserweiterung nicht mehr als ein Tal umfassen kann.

Damit sind die im Koalitionsabkommen genannten Erweiterungen möglich, wobei Weer – Hochfügen sowie Oetz – Kühtai naturgemäß Streitfälle bleiben. Auf Anfrage der TT bestätigt das auch der grüne Klubchef Gebi Mair. „Der Knackpunkt der derzeitigen Seilbahnerwünsche ist das Erschließungsprojekt Weer – Weerberg – Hochfügen vom Inntal ins Zillertal.“

Mair setzt jedoch auf die „Sensibilität“ der Bevölkerung in den betroffenen Gemeinden. Das Seilbahnprogramm sollte nicht nur hinter verschlossenen Türen in Diskussionen zwischen Grünen und Seilbahnern gestaltet werden. „Wir Grüne wollen im Rahmen der Begutachtung vor allem zwei Dinge öffentlich diskutieren. Erstens: Möchte die Bevölkerung von Weer und Weerberg zum Parkplatz für das Zillertal werden?“ Mair ist überzeugt davon, dass sie das nicht möchte, weshalb er sich entsprechende Stellungnahmen dazu erwartet.

Außerdem geht es dem grünen Klubchef um den Skitourenberg Gilfert. „Wir sind uns sicher, dass es viele TirolerInnen gibt, die finden, dass irgendwann genug mit Liften ist und auch einmal ein Stück Natur für die sanfte Nutzung erhalten bleiben darf.“ Die Begutachtung dürfte letztlich spannend werden. (pn)