Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 09.10.2018


Tirol

Reutte stöbert nach Spielautomaten

Gleich 14 mögliche Wett-Terminal- und Spielautomatenbetreiber erhielten Post von der Marktgemeinde.

© dpa(Symbolfoto)



Von Helmut Mittermayr

Reutte – 51. Minute. Liverpool-Torhüter Loris Karius unterläuft ein historischer Patzer im Champions-League-Finale in Kiew. Sein Auswurf direkt an den Fuß von Real-Madrid-Gegenspieler Karim Benzema landet als Abpraller im eigenen Tor. 1:0 Real. Entsetzen, Jubel. Jetzt sind die Wettprofis gefordert. In kürzester Zeit liegen neue Quoten vor. Schafft es Liverpool noch? Ist Real durch? Macht Karius den Patzer im Elfmeter­schießen gut? Auf jedes denkbare Szenario kann online noch gewettet werden – und wird gesetzt. Auch in Reutte, wo immer mehr Wettanbieter mit riesigen Flatscreens Publikum in Lokale zu locken versuchen. In den „Spielhöllen“ flimmert von der türkischen Liga westwärts alles über die Schirme, was einem Ball nachtritt.

Hier kommt nun die Marktgemeinde Reutte ins Spiel. Nicht dass auch die Kommune nachtreten möchte, aber sie will wissen, wer in der Marktgemeinde Wett-Terminals oder Spielautomaten aufgestellt hat. Denn seit 1. 1. 2018 besteht dafür eine Meldepflicht der Betreiber. Kein einziger hat dies bisher getan. Die Gemeindeverwaltung glaubt in einer Einschätzung der Lage aber gleich 14 Lokalitäten ausfindig gemacht zu haben, in denen monetäres Glück versprochen werden könnte. Zumindest erhielten 14 „Lokalbetreiber“ einen Brief der Gemeinde Reutte mit der Aufforderung, Stellung zu beziehen.

Neugier war nicht die Triebfeder. Das Land Tirol hatte 2017 das seit 1982 geltende Vergnügungssteuergesetz geändert. Mit 1. 1. 2018 besteht eine Abgabenpflicht an die Gemeinde, in der ein Automat aufgestellt wird. Bürgermeister Alois Oberer: „So ist das Gesetz. Und das wird vollzogen.“ Deshalb hatte der Gemeinderat schon in seiner Novembersitzung 2017 die notwendige Verordnung einstimmig durchgewunken. Nachdem sich aber monatelang niemand gerührt hat, sind vergangene Woche die Briefe hinausgegangen. „Eine persönliche Überprüfung bei jedem Angeschriebenen wird im November folgen“, weiß der Marktchef weiter. Die Steuereinnahmen könnten nämlich gar nicht so klein ausfallen. 150 Euro pro Wett-Terminal und Monat würden zu Buche schlagen. Ein Spielautomat würde monatlich 50 Euro in die Gemeindekasse einspielen, bei mehr als drei an einem Standort sogar 100 Euro pro Automat. In einer anderen Spielkategorie sogar 700/Automat/Monat. Wobei Glücksspielautomaten kurioserweise grundsätzlich verboten sind, eine Steuerpflicht aus den illegalen Einnahmen aber trotzdem besteht. Die Automaten müssen bei Bekanntwerden sofort entfernt werden. Keine Spielautomaten im Sinne des Gesetzes sind laut Oberer Fußball- und Billardtische, Fußball- und Hockeyspielautomaten, Flipper, Darts­automaten und vergleichbare Spielgeräte.

In der 84. Minute geht Loris Karius übrigens endgültig als Tolpatsch in die Annalen ein. Er schupft einen Schuss von Gareth Bale zum 3:1 ins eigene Tor. Spiel und Wetten sind gelaufen. Eine Wette auf spektakuläre Tormannfehler, das fehlt.