Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 31.10.2018


Bezirk Landeck

Kraftwerksbau kostet 30 Prozent mehr als geplant

Seit dem Spatenstich 2014 ist der prognostizierte Preis für das Gemeinschaftskraftwerk Inn von 461 auf 604,9 Mio. Euro gestiegen. Neue Verzögerungen kosten 70 Mio. Euro.

© GKIAm 21. September wurde der Inn bei Ovella umgelegt, er fließt seither durch das Wehr.Foto: GKI



Von Matthias Reichle

Prutz, Ovella – Ständige Pannen beim Vortrieb des Triebwasserstollens, ein Wechsel des zuständigen Bauunternehmens und zuletzt eine Lawine, die im Jänner den Inn staute und dabei den künftigen Wehrbereich überschwemmte – der Bau des Gemeinschaftskraftwerks Inn (GKI) steht unter keinem guten Stern.

Wie gestern bekannt gegeben wurde, steigen die Kosten für das Wasserkraftwerk im Grenzbereich zwischen der Schweiz und Österreich um weitere 70 Mio. Euro an. Bereits im vergangenen Jahr wurden die Kosten des Projekts von 461 auf 532,5 Mio. Euro nach oben korrigiert. Nun erhöht Tiwag-Vorstandsdirektor Johann Herdina diese Summe auf 604,9 Mio. Euro – „mit allen Risikoreserven“, wie er betont. „Mit den Erfahrungen der letzten Monate rechnen wir darunter ab.“ Die Kostensteigerung von 30 Prozent freue ihn freilich nicht.

Die Tiwag hatte ihre Anteile am Projekt heuer aufgestockt und zehn Prozent vom Verbund übernommen. Es befindet sich damit zu 86 Prozent in Tiroler Hand und zu 14 Prozent in der des Schweizer Partners, der Engadiner Kraftwerke. Die Kartellbehörde hat den Schritt per 5. Juli 2018 genehmigt.

Herdina erklärt die Kostensteigerungen durch die lange Dauer des Vortriebs. „Statt wie geplant zwei Jahre dauert er doppelt so lang“, so Herdina. „Was die Anrainergemeinden freut, weil sie länger Kommunalsteuer bekommen.“ Zudem decke die Versicherung zwar den direkten Schaden beim Wehrbau ab, aber nicht die Verzögerung. Und zu guter Letzt ist die Gründung des Wehrs und des Dotierkraftwerks aufwändiger als gedacht. „Wir haben nicht dort gebohrt, wo das Dotierkraftwerk hinkommt“ – die Folge ist, dass der Untergrund tatsächlich schlechter ist, als nach diesen Erkundungen gedacht.

Inzwischen läuft der Vortrieb im Triebwasserstollen, der von Jänner bis Mitte Mai praktisch nicht von der Stelle kam, für Herdina sehr gut. Man schaffe mit beiden Tunnelbohrmaschinen zwischen 40 und 50 Meter pro Tag. Derzeit fehlen noch 6850 Meter, um den 21.700 Meter langen Triebwasserweg zu vollenden – rund 4600 Meter Richtung Ovella und rund 2200 Meter Richtung Prutz.

Aber auch die vergangenen Monate waren nicht pannenfrei, wie der Vorstandsdirektor eingesteht: „Im Sommer gab es Probleme. Wir sind auf Grünschiefer gestoßen, der asbestbelastet ist.“ Sowohl für die Deponierung des Materials als auch für die Arbeiter mussten besondere Schutzmaßnahmen getroffen werden. Ziel ist nun, im Frühjahr 2019 mit der Nordmaschine und im Spätsommer 2019 mit der Südmaschine den Durchbruch zu schaffen. Geplant sei dann, im Herbst 2020 mit der Inbetriebnahme des Kraftwerks zu beginnen. „Mit Frühjahr 2021 soll das Kraftwerk ans Netz gehen.“ Einmal fertiggestellt, soll es über 400 Gigawattstunden pro Jahr produzieren.

Nicht nur die Kosten wurden größer, auch der Fertigstellungstermin wurde im Laufe der Jahre immer weiter nach hinten verschoben. Beim Spatenstich 2014 war noch die Rede davon, 2018 den regulären Betrieb zu starten. Während des Baus kam es zu immer neuen Verzögerungen. Die für Frühjahr geplante Umlegung des Inns im Wehrbereich konnte nun erst am 21. September durchgeführt werden. Die Arbeiten für das Dotierkraftwerk, die Fischwanderhilfe und das Einlaufbauwerk haben begonnen. „Dort werden die Vorschüttungen diese Woche fertig“, so Herdina. Die Arbeiten am Krafthaus hingegen seien schon weit, betont der Tiwag-Vorstandsdirektor. Die Renaturierung sei fast fertig. So wurden bei der Zufahrt und hinter dem Krafthaus Obstbäume gepflanzt – zum Teil alte Sorten.

Auch nach Inbetriebnahme der Stromproduktion ist die Baustelle übrigens nicht abgeschlossen – die Aufräumarbeiten werden laut Herdinas Schätzungen bis 2022 dauern.

Er ist aber weiter überzeugt, dass das Gemeinschaftskraftwerk Inn trotz der Kostensteigerung rentabel laufen wird. „Es ist wirtschaftlich. Die Strompreisentwicklung hilft uns, das zu untermauern.“