Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 04.11.2018


Exklusiv

Klimaprognosen immer düsterer: Tirols Bauern müssen handeln

Trockenresistentere Saatgutmischungen, Bewirtschaftung von Steilflächen, Beweidung der Almen und Bewässerung: Die Tiroler Landwirtschaft braucht neue Konzepte, um sich auf extreme Klimaphänomene einzustellen.

© Blassnig ChristophStarkregen folgte in den vergangenen Tagen auf die Trockenheit. Der Landwirtschaft bereitet das laut Lukas Peer „großes Kopfzerbrechen“.



Von Brigitte Warenski

Innsbruck – Ein extrem trockener Sommer sowie Herbst und Unwetter (vor allem in Osttirol) in den vergangenen Tagen. Im Grünland sind die dürrebedingten Schäden heuer am größten, getroffen hat es am stärksten das Tiroler Oberland. „In Tirol belaufen sich die Schäden auf 18,6 Millionen Euro“, sagt Judith Haaser, Pressesprecherin der Tiroler Landwirtschaftskammer, Am zweitstärksten betroffen waren die Ackerfutterflächen, hier liegt die Schadenshöhe bei 1,6 Millionen Euro. Am glimpflichsten davongekommen ist laut Haaser der Gemüsebereich, hier konnten die Schäden „durch Bewässerung gering gehalten werden“. Dazu kommen die Schäden der Unwetter. In Osttirol „gab es riesige Muren an den Steilhängen, die nicht bewirtschaftet wurden“, weiß Lukas Peer, Grünland- und Bioreferent der Tiroler Landwirtschaftskammer.

Die Klimaphänomene sind extremer geworden und es ist keine Besserung in Sicht, im Gegenteil: „Die Voraussagen der Meteorologen sind düster, wie wir bei einer Schulung erfahren haben. Das bereitet uns großes Kopfzerbrechen“, sagt Peer. „Auf kommende Dürrezeiten müssen wir uns bewässerungstechnisch besser vorbereiten.“ Vorbild sei hier Südtirol, wo 100 Prozent der Wein-, 70 Prozent der Obstanlagen und 30 Prozent der Grünlandflächen bereits bewässert werden. Hier gilt es neue Konzepte zu entwickeln, „auch wenn diese kostenintensiv sind und wasserrechtlich nicht immer einfach zu lösen. Darum sollte gemeindeübergreifend gearbeitet werden“, so Peer. Federführend sei in Nordtirol das Oberland, „wo es noch alte Waalwege gibt, die zum Teil revitalisiert wurden. Und auch die Gemüsebauern haben in Richtung Bewässerung schon große Schritte getan.“ Mehr Forschung braucht es laut Peer beim Thema Saatgut. „Wir brauchen trockenresistentere Mischungen.“ Dringend Handlungsbedarf besteht bei der Beweidung der Almen, die stetig abnimmt. „Wird nicht beweidet, wachsen die Almen zu und es kommt zu Murenabgängen, Verklausungen und Erosionen“, warnt Peer. Es müssen nicht immer Kühe sein, die auf die Alm kommen. „Auch Schafe und Ziegen eignen sich gut. Bei Schafen sind wir in Tirol zwar am richtigen Weg, aber auch da ist noch genug zu tun.“ Damit die Beweidung wieder zunimmt, bräuchte es auch finanzielle Anreize „und wir müssen die Vermarktung der Almprodukte, die ja sehr gefragt sind, weiter ankurbeln.“ Wie wichtig zudem die Bewirtschaftung der Steilhänge ist, habe sich bei den Unwettern in Osttirol gezeigt. „Wir müssen die Bauern animieren, ihre Steilhänge zu mähen“, erklärt Peer.

Dass alle Maßnahmen ineinandergreifen müssen, ist für Peer außer Diskussion. „Bewässern wir nicht, haben wir wie heuer zu wenig Futter und müssen Futter zukaufen. Gibt es zu wenig Futter, verkaufen die Bauern Tiere und wir haben wieder weniger Tiere, die auf die Almen kommen – und damit steigt die Gefahr der Vermurungen. Diesen Kreislauf gilt es zu durchbrechen“, sagt Peer.

Almen: In Tirol gibt es über 2200 Almen. In einigen Tiroler Bezirken grasen nicht mehr so viele Milchkühe auf der Alm wie früher. So ging im Bezirk Reutte die Zahl der Kühe von 2000 bis 2017 um 30 Prozent zurück.

Gefahr durch Verbuschung: Werden Almen nicht bewirtschaftet, wachsen sie unter anderem mit Borstgras, Blaubeeren und Almrosen zu. Die Verbuschung verhindert das Eindringen des Regenwassers in den Boden, das kann die Hochwassergefahr steigern und im Winter die Lawinengefahr erhöhen. Durch den Klimawandel beginnt die Vegetationsperiode immer früher, im Kühtai und im Kaunertal sind Almgebiete teilweise komplett zugewachsen.