Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 08.11.2018


Tiroler Wirtschaftsforum

„Europa muss sein digitales Potenzial nutzen“

© TT/Rudy De MoorHelmut Fallmann, Gründer der börsennotierten Firma Fabasoft, berät die EU-Kommission in Fragen von Cloud und IT-Sicherheit.



Innsbruck – Mit einem launigen Verweis auf die Couch, die auf der Bühne im Saal Tirol im Innsbrucker Congress stand, begann Helmut Fallmann seinen Vortrag zum Thema „Wie die Digitalisierung Europa retten muss“. Die Couch gefalle ihm sehr und in einer idealen digitalisierten Welt würde das „Möbel“ ihm über eine App sagen, wo er es kaufen könne und wie viel es kostet. „Wir müssen auf der Anwendungsebene unser Potenzial nutzen um zu Global Playern zu werden“, sagte Fallmann, Gründer der börsennotierten Fabasoft AG. Die Firma entwickelt und vertreibt cloudbasierte Software für unternehmensübergreifende Geschäftsprozesse. Fallmann berät zudem die EU-Kommission in Fragen von Cloud und IT-Sicherheit.

„Wenn Europa nicht die Riesenchancen verpassen will, die der digitale Wandel bietet, ist es an der Zeit, den Ausbau des digitalen Binnenmarktes voranzutreiben“, betonte Fallmann. Dass Europa in Sachen Digitalisierung hinter die USA und inzwischen auch hinter China zurückgefallen ist, liege daran, dass Europa mutlos und schwerfällig handle und sich auf nationale Befindlichkeiten fokussiere. Es mangelt an digitaler Infrastruktur sowie einschlägiger Aus- und Weiterbildung. Dass dies möglich ist, zeigen für ihn Beispiele aus der Vergangenheit, wie die Gründung von Airbus, das heute mit Boing auf Augenhöhe auf dem Weltmarkt agiere oder auch der in Europa gemeinsam entwickelte GSM-Standard, der es erst ermöglichte, dass unsere Smartphones heute in jedem Winkel der Erde funktionieren. Es braucht dazu aber als weiteres Standbein den digitalen Binnenmarkt, der zudem auch das schwächelnde europäische Zusammengehörigkeitsgefühl aufwerten könne.

Weiters wäre die Implementierung einer „digitalen Identität“, sozusagen eines digitalen Zwillings für jeden Bürger notwendig, der auf der Basis eines gesamteuropäischen Standards funktioniert. „Und ich bestimme dann, wem und vor allem welche und wie viele Daten ich weitergebe“, betonte Fallmann. Noch würden wir uns von Google und Co. unsere Daten klauen lassen.

Der Softwarexperte plädierte auch für ein gesamteuropäisches Cloudsystem. Dies würde sowohl in finanzieller als auch administrativer Hinsicht enorme Vorteile für die Wirtschaft bieten. Und Europa könne sich damit auch von den großen US-Monopolisten freispielen. „Ich glaube an die Demokratisierung auf Plattformen“, so Fallmann. Dazu müsse man aber auch ein europäisches Zertifizierungssystem schaffen, schon um den aktuellen Wildwuchs zu beseitigen, aber auch um die notwendige Cybersicherheit zu gewährleisten.

Zum Abschluss meinte Fallmann, dass es in Europa noch viel zu wenig „digitale“ Ausbildungsstätten gebe, und betonte, wie wichtig Angebote wie der neue Lehrgang für Software Engineering am Management Center Innsbruck sei. (hu)