Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 13.01.2019


Coworking in Tirol

In schwarzen Socken durch einen etwas anderen Arbeitsort

Vernetzung, Austausch, Inspiration. All das bietet der US-Trend Coworking. Mittlerweile gibt es auch in Tirol eine aktive Szene.

Wenn die Arbeitspause ruft, schmeißt sich Coworkerin Evelyn Zelger (23) auf das Ledersofa.

© Vanessa Rachle / TTWenn die Arbeitspause ruft, schmeißt sich Coworkerin Evelyn Zelger (23) auf das Ledersofa.



Von Lisa Hintner

Innsbruck – Evelyn Zelger ist gerade einmal 23 Jahre alt und schon Mitgründerin einer Marketingfirma. Sitz: Pembaurstraße 14 in Innsbruck, im 800 Quadratmeter großen Coworkin­g Space. Dort, wo einst ein Musikgeschäft stand. Dort, wo nun Kreativschaffende ihren Arbeitsalltag gemeinschaftlich gestalten, Synergien entwickeln und Kompetenzen bündeln – kurzum das tun, was das Konzept des „gemeinsamen Arbeitens“ aus Silicon Valley ausmacht.

Die Arbeitspause ruft! In ihren schwarzen Socken läuft Evelyn aus dem großen Arbeitszimmer. Sie geht die Treppe runter, vorbei an der Küchentheke und einem großen, hölzernen Arbeitstisch bis hin zum hellbraunen Ledersofa. Auf diesem weichen Sitzpolster verbringt sie ihre Pausen am liebsten. In jenem kleinen Wohneck gleich neben der gläsernen Eingangstüre, wo sich mit jeder Öffnung fröstelnde Kälte von außen mit angenehmer Wärme von innen vermischt – frischer Duft nach Kaffeebohnen mit Abgasgestank.

Um lebendigen Austausch geht es im Coworking Space in vielerlei Hinsicht und gerade das gefällt Evelyn an dem Arbeitsort mit offenen Begegnungs-, Arbeits- und Eventräumen am allermeisten. Hier vernetzen sich Selbstständige, etablierte Unternehmer, Firmengründer und digitale Nomaden wie der Duft nach Kaffee mit dem nach kalter, frischer Außenluft.

Jung wie Evelyn ist der US-Trend in Tirol. Das Basislager in Kufstein war Vorreiter, öffnete 2012. Der älteste bekannte Coworking Space in Innsbruck ist hingegen das StockEINS in der Bäckerei. Weitere kennt Onkel Google: die Werkstätte in Wattens, das Coworking Imst, InnCubator, Schloss Rocks, Wundervoll, Coworking Space Raum 13. Und als sich neugierige Augen vor 12 Suchergebnissen schnell hin und her und auf und ab bewegen, wird klar: An das Geschäftsmodell glaubt auch Tirol. Es sei eine Anpassung an die heutige Arbeitswelt, die flexibel und heterogen aussehe. Vor allem international tätigen Unternehmern komme das Angebot zugute, meint Bettina Wenko, Leiterin des „Wundervoll“. Allem Anschein nach aber auch jungen Mutigen, so wie Evelyn, die sich im Coworking Space wie zuhause fühlt. 4 Mio. € Investitionsgelder aus privaten Händen scheinen eben nicht nur sicht-, sondern auch spürbar zu sein.

Sie rollt ihre Augen nach oben, überlegt, warum sie gerade in einem Coworking Space ihren Arbeitssitz haben will. Mit einem Lächeln und gestikulierenden Händen antwortet sie: „Hier gibt es immer Menschen, die einem helfen, die einem mit Rat und Tat zur Seite stehen und Lust auf eine gemeinsame Arbeitspause haben. Und ja, ich will meinen Arbeitsplatz abseits meiner eigenen vier Wände haben.“ Keine öffentliche Bibliothek also, kein Gemeinschaftsbüro – Evelyn präferiert Coworking und das, obwohl sie dafür in die Tasche greifen muss.

Die Preise für einen Arbeitsplatz sind so vielfältig wie die Coworking-Szene in Tirol, ihre räumliche Ausgestaltung und Umsetzung. Bis zu über 300 Euro heimsen die teuerste­n Anbieter für ein Monatsticket ein, über 20 Euro für ein Tagesticket. Dennoch scheinen die Vorteile des Coworking-Konzepts groß wie die Begeisterung in den Augen der Jungunternehmerin. Das innovative Arbeitskonzept bietet freie­n Zugang zu Internet und Drucker, eine repräsentative Firmenadresse mit Postfach, und das Beste kommt zum Schluss – um alle Betriebskoste­n kümmert sich der Inhabende.

Trotzdem hält sich der Besucherandrang am heutigen Nachmittag in Grenzen: Hier hockt eine Eventmanagerin mit weit aufgerissenen Augen vor ihrem PC. Da eine Dolmetscherin und aus der Kaffeeecke ertönt eine fauchende Kaffeemaschine. Abgesehen davon herrscht schweigende Leere.

Jene Besucher aber, die einen kurz- oder langfristigen Arbeitsplatz mieten, sind vom Coworking begeistert und überzeugt, so wie Evelyn. Noch immer hockt sie auf dem Ledersofa im Schneidersitz und mit zappelnden Zehenspitzen, schüttelt ihre blonden, schulterlangen Haare. Frisch, locker, jung und innovativ – so wie die wachsende Coworking-Szene in Tirol.




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