Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 12.03.2019


Bezirk Reutte

Raiba-„Umbau“ in Reutte voll im Gange

Wolfgang Hechenberger krempelt die Raiffeisenbank Reutte in großen Teilen um. Der Standort Jungholz sperrt am 1. April zu. Schmerzliche Schritte sollen nicht in die Länge gezogen werden.

Nach fast 40 Jahren schließt am 1. April das Bankhaus Jungholz, Tochter der Raiffeisenbank Reutte.

© Ralf LienertNach fast 40 Jahren schließt am 1. April das Bankhaus Jungholz, Tochter der Raiffeisenbank Reutte.



Von Helmut Mittermayr

Reutte, Jungholz – Schwere Zeiten machen gerade die Mitarbeiter der Raiffeisenbank Reutte durch. Die Zahl der einstmals über 300 Beschäftigten muss von aktuell 130 noch einmal zurückgenommen werden. Dieser Tage trennt sich die Bank wieder von Angestellten – auch langjährigen.

Die Überlegungen zur Schließung des Standortes Jungholz haben schneller als erwartet ein Datum bekommen – den 1. April. Derzeit arbeiten 25 Raiffeisenbanker in der Tiroler Exklave. Diese Berater werden schon in drei Wochen nach Reutte ins Europahaus geholt. Auch eine zumindest teilweise Auslagerung des Fondsmanagements an Partner aus dem Raiffeisensektor wie die Raiffeisen Capital Management in Wien wird nicht mehr ausgeschlossen. Die europäische Niedrigzinspolitik setzt dem Bankhaus Jungholz jedenfalls seit Langem zu. Die hohen Kundeneinlagen erwirtschaften keine Renditen mehr, die Zinserträge der Raiba Reutte sind derzeit praktisch nur noch über das regionale Kreditgeschäft zu generieren. Aus der Rückholung der Jungholzer nach Reutte erwartet man sich positive Effekte im Finanzierungsgeschäft, sind doch viele deutsche Jungholzer Kunden auch Unternehmer. Die Raiba Reutte wird mit einem aktuellen Kundengeschäftsvolumen von 1,8 Mrd. Euro (am Höchststand mehr als drei Milliarden) auch weiterhin eine Sonderrolle unter den regionalen Instituten einnehmen, was Größe und Potenzial für die Zukunft betrifft. Vor Kurzem wurde Alexander Trs zum Leiter des Bereichs Private Banking bestellt. Der Außerferner bleibt wie bisher auch für Firmenkunden hauptverantwortlich. Synergieeffekte werden aus der Verschränkung erwartet.

Die millionenschwere Bußgeldzahlung der Raiba Reutte an die deutsche Justiz, die viele andere österreichische und Schweizer Banken ebenso zu erfüllen haben, ist über die Bühne. Die Summe von knapp vier Millionen Euro war bereits vorsorglich zurückgestellt und auch in der Bilanz 2017 ausgewiesen worden. Die hiesigen Banken hatten sich nach deutschen Rechtsgrundsätzen, obwohl in Österreich erlaubt und über das ehemalige Bankgeheimnis sogar im Verfassungsrang gedeckt, der Beihilfe zur Steuerhinterziehung schuldig gemacht. Auch ein weiteres Verfahren gegen die Schweizer Raiba-Reutte-Niederlassung St. Gallen (Private Banking Schweiz) ist abgeschlossen. Nun hat die Raiba Reutte auch den Verkauf ihrer Bank in St. Gallen, eines Bankhaus-Jungholz-Ablegers, eingeleitet. Die Verhandlungen sollen im Finale stehen. Alle zehn Mitarbeiter würden übernommen, sollte der Deal zustande kommen.

Überhaupt scheint der neue Vorstandsvorsitzende Wolfgang Hechenberger die Strategie zu verfolgen, schmerzliche Entscheidungen nun sehr schnell über die Bühne bringen zu wollen. Ein weiteres Aufschieben würde nicht helfen und Mitarbeiter noch weiter verunsichern. Auf Anfrage der TT bittet er um Verständnis, zu einzelnen Schritten nichts sagen zu können, seien doch diese Einzelmaßnahmen von einer großen strategischen Neuausrichtung unterlegt, die wiederum nicht öffentlich erläutert werden könne. Hechenberger sieht nach schmerzhaften Änderungen aber auch „schöne Perspektiven“ für eine starke Regionalbank, wenn dieser Prozess abgeschlossen sei.

Hechenberger ist auch wichtig, das Wirken seines Vorgängers Johannes Gomig keineswegs nur unter den aktuell schwierigen Gegebenheiten sehen zu wollen. Denn ganz Tirol habe über Jahrzehnte mit Bewunderung zugeschaut, was in Jungholz für ein höchst erfolgreiches Geschäftsmodell aufgebaut worden sei. Das nun wieder wegbreche. Und auch in Zeiten rückläufiger Zahlen hätten Gomig und sein Vorstandskollege Ralf Götz weitreichende und bedachte Maßnahmen gesetzt, um das Aufgebaute zu sichern. Die neuen, weltweit sehr harten Rahmenbedingungen für Banken seien aber unglaublich wirkungsmächtig.




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