Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 15.03.2019


Hotelerie

Der Glanz verblasst: Hotels sagen Sternen adieu

Designhotels in der Stadt oder Unterkünfte im niedrigeren Preissegment orientieren sich seltener am Sterne-System. Die breite Masse aber hält an der Klassifizierung fest.

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Von Beate Troger

Innsbruck – Die Sterne sind weg. So hat etwa das Grandhotel Europa am Innsbrucker Hauptbahnhof seinen fünften Stern verloren und will nun ohne das etablierte Klassifizierungssystem weitermachen. Nur wenige Meter weiter in der Innenstadt finden sich auch noch weitere Hotels, bei denen keine Sterne am Eingang oder an der Rezeption prangen: das Adlers im Pema-Turm, das neue Stage12 der Familie Penz in der Maria-Theresien-Straße und auch das Traditionshaus Schwarzer Adler bei der Sowi.

Für Harald Ultsch, Inhaber von Adlers und Schwarzem Adler, haben die Sterne vor allem in der Stadthotellerie klar an Bedeutung verloren. „Gerade bei Online-Buchungen orientieren sich die Kunden an den Bildern, der Lage und speziell an den Kommentaren und Bewertungen durch andere Hotelgäste“, erklärt er im TT-Gespräch. Für sein Stammhaus verzichte er schon seit mehreren Jahren auf die Sterne, das zweite Haus habe nie welche geführt, sagt er, „und es läuft sehr gut“.

Seiner Ansicht nach seien mehrere Kriterien der Klassifizierung veraltet, Gäste würden auf so manche Ausstattungsmerkmale kaum noch Wert legen. Anstatt „die Hotels in eine Schublade zu stecken, in die sie nicht gehören“, positionieren sich mehr und mehr Häuser vor allem im urbanen Bereich durch neue Labels, wie etwa moderne „Design Hotels“ oder exklusive „Boutique Hotels“, und grenzen sich so voneinander ab.

Strenge Richtlinien in Unternehmen hätten auch dazu geführt, dass viele Manager keine Fünf-Sterne-Hotels mehr buchen dürfen. Damit sei vielen Häusern eine große, zahlungskräftige Kundenschicht weggebrochen.

Am anderen Ende des Preisspektrums gewinne wiederum das Low-Budget-Segment mit eingeschränktem Service oder nur auf Kundenwunsch überdurchschnittlich an Bedeutung, erklärt der Innsbrucker Hotelier. Diese preisbewusste Klientel will Ultsch etwa mit seiner sternelosen Kette Harry’s Home ansprechen. Dieselbe Zielgruppe adressiert auch die deutsche Motel-One-Kette, die sich in Innsbruck mit rund 200 Zimmern ansiedeln möchte und den Sternen schon vor Jahren abgeschworen hat. „Diese modernen Hotelkonzepte passen in keine Kategorie“, ist Harald Ultsch überzeugt.

Mario Gerber, Sprecher der Hotellerie in Tirol und Mitglied der Sterne-Klassifizierungskommission, sieht das naturgemäß anders. „Die überwiegende Mehrheit der Gäste orientiert sich nach wie vor stark an den Sternen. Auch die Hotels streben danach, eine gewisse Sterne-Anzahl zu erreichen, um ihren Qualitätsanspruch klar zu kommunizieren“, betont der Kühtaier Hotelier.

Gerade für den großen Anteil an familiengeführten Betrieben in Tirol sei die Klassifizierung das wichtigste Instrument für die Werbung.

Dennoch räumt Gerber ein, dass sich die Ansprüche der Kunden verändern und das Bewertungssystem dementsprechend laufend anpassen werde: „Denn unser Ziel ist es, so viele Hotels wie möglich zu klassifizieren.“ Wie der Sterne-Kontrolleur ausführt, sei laut den neuen Richtlinien 2020 ein Telefon im Zimmer nicht mehr unbedingt erforderlich, wenn stattdessen etwa ein iPad als Kommunikationsmittel angeboten werde.

Andere Elemente der Ausstattung, von der Minibar, einer Sitzgelegenheit an der Rezeption bis hin zum Lift, seien hingegen im Vier-Sterne-Bereich unverzichtbar und damit ein K.o.-Kriterium.

Dass einzelne Hotels ganz bewusst auf die kostenlose Klassifizierung verzichten würden, sei Hotelier-Obmann Mario Gerber nicht bekannt. „Die Hotels verzichten deshalb auf die Sterne, weil sie gewisse Mindeststandards, etwa für den vierten Stern, nicht erreichen können“, sagt er. Er warnt auch davor, zu stark auf Online-Bewertungen zu setzen: „Wir wissen heutzutage, dass Kunden-Feedbacks oft gekauft oder gar gefälscht sind“, berichtet er.

Einer, der einräumt, eine entsprechende Hotelklassifizierung nicht zu erreichen, ist Christian Harisch, Geschäftsführer des Lanserhofs in Lans. „Von der Ausstattung und den Dienstleistungen wären wir ein Fünf-Sterne-Superior-Betrieb“, erläutert Harisch. Aufgrund der Positionierung als Privatklinik mit dem Schwerpunkt auf entgiftende Kuren gebe es aber weder Mini-Bars noch Rund-um-die-Uhr-Restaurantservice und damit auch keine Sterne. „Für eine wachsende Anzahl an Betrieben, die sich auf bestimmte Zielgruppen oder Nischen festlegen, passen die Sterne einfach nicht mehr“, stellt der Hotelier fest. Im klassischen Urlaubssegment aber halte man nach wie vor an der klassischen Kategorisierung fest – so auch Harisch mit dem Schwarzen Adler und dem Weißen Rössl in Kitzbühel.

Sterne-Kategorien

Die Klassifizierung bis fünf Sterne ist seit 2009 in 17 Ländern Europas vereinheitlicht. Die Hotels werden in 240 Kriterien mit Punkten bewertet. Mit dem Zusatz „Superior" wird ein Plus an Dienstleistungen hervorgestrichen. Diese Kategorisierung durch eine Kommission ist freiwillig und bis Vier-Sterne-Superior kostenlos.

Fünf Sterne: luxuriöse Ausstattung mit u. a. 24-Stunden-Rezeption, 24-Stunden-Zimmerservice, mehrsprachiges Personal, makelloser Erhaltungszustand. In Tirol gibt es 25 Fünf-Stern-Hotels und 9 Fünf-Stern-Superior-Hotels.

Vier Sterne: erstklassige Ausstattung in hohem Erhaltungszustand, u. a. 18-Stunden-Rezeption, Minibar, 24-Stunden-Roomservice für Getränke. In Tirol gibt es 181 Vier-Sterne-Hotels und 119 Vier-Sterne-Superior-Hotels. (Quelle: WKO)