Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 15.03.2019


Fachkräftemangel

„Die Gemeinden brauchen nicht nur Nobelpreisträger“

Der Fachkräftemangel trifft auch die Gemeinden. Landesrat Tratter ist gegen die Abschiebung von Asylsuchenden, die eine Lehre machen.

Walter Leiss (Generalsekretär Gemeindebund), Ernst Schöpf (Tiroler Gemeindepräsident), Andreas Schatzer (Südtiroler Gemeindepräsident), Regina Norz (Forum Land) und Georg Große Verspohl (Bayerischer Gemeindetag) diskutieren mit Chefredakteur Alois Vahrner

© HrdinaWalter Leiss (Generalsekretär Gemeindebund), Ernst Schöpf (Tiroler Gemeindepräsident), Andreas Schatzer (Südtiroler Gemeindepräsident), Regina Norz (Forum Land) und Georg Große Verspohl (Bayerischer Gemeindetag) diskutieren mit Chefredakteur Alois Vahrner



Von Jasmine Hrdina

Kundl – Sicherer Job, oft im Wohnort, diverse Sozialleistungen: Trotzdem macht der akute Fachkräftemangel (laut Wirtschaftskammer fehlen den Betrieben 162.000 Fachkräfte) auch vor den Gemeinden nicht Halt. Strategien dagegen wurden beim Kommunalforum Alpenraum mit Gemeindevertretern aus Tirol, Südtirol und Bayern im Innovationszentrum von Lindner Traktoren in Kundl diskutiert.

Pflegekräfte, Pädagogen, aber auch Bauhof- und Verwaltungsmitarbeiter seien Mangelware am Arbeitsmarkt. Einen Grund dafür sahen die Gemeindevertreter in der Bürokratisierung aller Arbeitsbereiche. In Italien habe man mit der Umstellung eines Buchhaltungssystems gar Scharen von Mitarbeitern vergrault. „Wo wir vor einigen Jahren 20 Bewerber auf eine Stelle hatten, kommt es heute auch vor, dass sich gar niemand bewirbt“, schildert Andreas Schatzer, Präsident des Südtiroler Gemeindeverbands, die angespannte Lage. Der Staat sei „ein Meister des Bürokratieaufbaus“.

In Bayern schaue man „neidisch Richtung Süden“, so Georg Große Verspohl, Direktor des Bayerischen Gemeindetags. Im Großraum München kämpfen Kommunen regelrecht mit großen Unternehmen um die Fachkräfte am Markt. In der Privatwirtschaft verdiene ein technisch versierter Arbeiter eben mehr als ein Bauhofmitarbeiter. Zudem gehe es auch ums Image. „Bei Audi oder BMW zu arbeiten, klingt für junge Menschen cooler, als bei einer Gemeinde zu sein“, sagt Verspohl.

Gerade die jüngere Generation wolle sich aber immer öfter gar nicht mehr die Karriereleiter hinaufplagen, sie ziehe eine solide Work-Life-Balance vor. Ähnlich sieht dies auch Walter Leiss, Generalsekretär des Österreichischen Gemeindebunds und prangert an: „Wir produzieren nur Häuptlinge, aber es braucht auch Indianer, die die Arbeit machen.“ Der Tiroler Gemeindeverbandspräsident Ernst Schöpf schlägt in dieselbe Kerbe und fordert, nicht alle Arbeitsbereiche zu akademisieren. „Die Menschen müssen einfach zugeben: Es braucht nicht nur Nobelpreisträger im Gemeindebetrieb.“

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Der kommunale Fachkräftemangel sei auch ein Problem der Landflucht, waren sich die Diskussionsteilnehmer einig. Dem können die Gemeinden mit Outsourcing und Digitalisierung entgegenwirken. Leiss plädiert für den Ausbau des Breitbands (5G), um moderne Technologien nutzen zu können. Damit sei es möglich, Arbeitsplätze am Land zu generieren bzw. ins Backoffice zu verschieben. Damit gewinne der ländliche Raum wieder an Attraktivität, zeigt sich Regina Norz, Vize-Obfrau des Forums Land, zuversichtlich. „Flexibel denken“ sei das Motto, Kooperationen mit privaten Anbietern (etwa im Bereich Freizeitinfrastruktur, Kinderbetreuung), anderen Gemeinden und Institutionen zu nutzen, könnten für die Kommune eine große Entlastung sein. Den Service vor Ort würden Bürger aber immer fordern, sagt Verspohl.

Tirols zuständiger Landesrat für die Gemeinden, Hannes Tratter, kritisierte auch mit Blick auf den Fachkräftemangel die von der Bundesregierung geplante Abschiebung von jungen Asylwerbern, die eine Lehre machen. „Das verstehe ich menschlich und wirtschaftlich gesehen nicht.“ Hier gehe es um ein paar hundert willige Junge, die man etwa über die Rot-Weiß-Rot-Card integrieren könnte. Das Land gebe jährlich 130 Mio. Euro für die Gemeinden aus. Wichtig sei die Stärkung der Lehre. Die Gleichstellung bei der Bezahlung im Pflegebereich, auch von gemeindeeigenen Einrichtungen, mit den Tirol Kliniken biete Chancengleichheit.

Laut Arbeitsmarktservice-Vorstand Johannes Kopf ist die Arbeitslosigkeit in Österreich von 2012 bis 2016 ständig gestiegen (Höchststand 495.000 im Jänner 2017), seither sind die Zahlen sinkend. In Österreich gab es im Vorjahr 86.000 zusätzliche Beschäftigte. Trotzdem hat Österreich, das früher Bester war, derzeit nur die zwölftniedrigste Arbeitslosenquote in der EU.

Zur Bekämpfung des Fachkräftemangels brauche es einen Mix, sagt Kopf. Dazu zähle die Stärkung der Lehre, mehr Frauen im Job, mehr arbeitstätige Ältere, die Vermittlung von Arbeitslosen auch in andere Bundesländer (Tirol hat nur 4,8 Prozent Arbeitslose, Wien aber 12,3 Prozent) und auch mehr Ausländer. Die größte Ausländergruppe am österreichischen Arbeitsmarkt seien die Deutschen (102.000) vor den Ungarn (92.000 )und den Türken (58.000).