Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 27.04.2019


Bezirk Landeck

Einkauf kommt in Grins künftig in die Box

Statt weiter auf einen Nahversorger zu warten, nimmt die Gemeinde Grins das Problem selbst in die Hand. Dort plant man einen genossenschaftlich organisierten Lieferservice.

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© Reichle



Von Matthias Reichle

Grins – 2017 brach der letzte Lebensmittelhändler in Grins seine Zelte ab. „Seither war es eine Berg- und Talfahrt“, erinnert Franz Auderer, Obmann der Dorfgenossenschaft und damit Vermieter des bisherigen Ladens. Man habe mehrere Supermarktketten angefragt, verhandelt – allerdings nur Absagen bekommen. „Mit Lebensmitteln beliefern würden sie uns alle, sie wollen aber kein Geschäft betreiben.“

Fazit nach über zwei Jahren: Wer in der 1400-Seelen-Gemeinde oberhalb von Landeck einen Liter Milch, ein Stück Butter oder ein Kilo Mehl kaufen will, muss immer noch ins Auto steigen und nach Landeck fahren. Ein massives Problem ist das für viele Ältere.

Gefallen lassen wollen sich die Grinner das allerdings nicht – und haben nun eine wohl einzigartige Lösung gefunden. Vater der Idee war Manfred Siegele, Mitglied einer im vergangenen Jahr dafür eigens eingerichteten Arbeitsgruppe. Die Gemeinde hatte damals einen Bürgerbeteiligungsprozess initiiert, der von der GemNova begleitet wurde. „Ich war selber überrascht, dass die Idee so eingeschlagen hat. Dabei ist es nichts Besonderes, sondern ganz einfach“, erklärte Siegele bei einer ersten Präsentation des Projekts. Das Manko seien immer die Personalkosten für ein Geschäft gewesen, betonte er. Sein Modell kommt fast ohne aus.

Statt eines herkömmlichen Ladens soll nämlich ein wohl einzigartiger Lieferservice eingerichtet werden, bei dem man mit Tiroler Handelsunternehmen und einem Bäcker zusammenarbeiten will.

Die Grundidee ist einfach: Die Grinner bestellen in den Onlineshops der Partnerunternehmen und bekommen die Produkte ins ehemalige Geschäft geliefert. Das wird zu eine Art Packstation ausgebaut. „Jede Familie kann dort eine Abholbox mieten und von daheim, oder wo man halt Internet hat, einkaufen. Die Box wird dann von den Lieferanten befüllt“, so Siegele. Wenig internetaffinen Altersgruppen sollen die Kinder beim Bestellen helfen, für Alleinstehende macht das der Pflegeverein. Zugang hat nur der Mieter, der seine Einkäufe mittels Chip abholen kann. Ziel sei, dass künftig täglich beliefert wird .

Zusätzlich soll es in den Räumen vier Warenautomaten geben – „da gibt es die notwendigsten Lebensmittel, in erster Linie regionale Produkte“, ergänzte Siegele. Der neue „Dorfladen“ soll aber auch ein Treffpunkt werden, weshalb auch Getränke- und Kaffeeautomaten mit einigen Tischen sowie eine Verkaufstheke, an der regionale Produzenten regelmäßig selbst ihre Erzeugnisse feilbieten können, angedacht werden. „Theoretisch könnten wird 24 Stunden täglich offen halten“, betonte Siegele. Das traue man sich allerdings aufgrund möglicher Vandalen nicht – trotzdem gebe es extrem lange Öffnungszeiten, mit denen kein Markt mithalten kann. Derzeit befindet man sich bereits in Verhandlungen mit den Lieferpartnern.

Ob die Idee nun Realität wird, hängt allerdings von den Grinnern ab. „Es ist keine einfache Geschichte, und wenn es funktionieren soll, müssen alle an einem Strick ziehen“, betonte Bürgermeister Thomas Lutz. Betrieben werden soll der neue „Dorfladen“ nämlich über eine Genossenschaft, die erst gegründet wird.

Mindestens 100 Mitglieder will man gewinnen, bevor man in die Umsetzung geht. Jeder müsste eine Stammeinlage von 300 Euro einbringen und verbindlich auf drei Jahre eine Abholbox (fünf Euro pro Monat) anmieten, wie Peter Schmid bei der Präsentation aufzeigte – „es soll auf eine schwarze Null ausgehen“. Man hatte sich durchgerechnet, wie das Ergebnis im schlechtesten und besten Fall ausschauen würde – im Worst Case gibt es 8600 Euro Verlust, im Best Case 15.000 Gewinn. Wenn das Modell funktioniert, plant man den Mitgliedern ihre Stammeinlage in einigen Jahren wieder auszuzahlen. Die Errichtungskosten für den „Dorfladen“, die man zu 75 Prozent mit Förderungen abdecken will, liegen bei 150.000 bis 180.000 Euro. Bis zum 24. Mai haben die Grinner nun die Möglichkeit, eine Willensbekundung abzugeben, ob sie Teil der Genossenschaft werden. Erste künftige Mitglieder haben sich noch bei der Präsentation deklariert.