Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 10.08.2019


Bezirk Kufstein

Bahnpläne bedrohen Existenz der Angather Landwirte

Der Großteil der Flächen für die Baustelleninfrastruktur befindet sich auf Feldern der Bauern. Die ÖBB könnten eine Dienstbarkeit erzwingen.

Für die Vollzeitlandwirte Georg und Sandra Ehrenstrasser sowie Ortsbauernobmann Georg Horngacher (v. l.) würde die Baustelleneinrichtung auf ihren Feldern (im Hintergrund) zum Ende ihres Daseins als Rinderbauern führen.

© HrdinaFür die Vollzeitlandwirte Georg und Sandra Ehrenstrasser sowie Ortsbauernobmann Georg Horngacher (v. l.) würde die Baustelleneinrichtung auf ihren Feldern (im Hintergrund) zum Ende ihres Daseins als Rinderbauern führen.



Von Jasmine Hrdina

Angath – Nicht die Trassenführung, sondern die Baustelleninfrastruktur für die Nordzulaufstrecke zum Brennerbasistunnel rauben den Angathern momentan den Schlaf. Wie berichtet, formierte sich im Dorf bereits Widerstand, weil für die Abwicklung des geplanten Tunnelbaus Flächen von acht Hektar für Baustelleneinrichtungen notwendig sind. Zehn Jahre lang müssen die Anwohner mit bis zu 500.000 Lkw-Fahrten rechnen – und das keine hundert Meter vom Dorfzentrum entfernt, wo auch Kindergarten und Krabbelstube untergebracht sind.

Nun schließen sich auch Landwirte der Forderung nach einer Änderung der Baupläne an. Für Georg Ehren­strasser würde die Abwicklung nach aktuellen Vorstellungen der ÖBB nämlich das Ende seiner Existenz als Landwirt bedeuten, wie er im Gespräch mit der TT erklärt. Ein Großteil der vorgesehenen Manipulationsfläche würde nämlich auf jene Felder fallen, die er für seine 50 Rinder nutzt. Zwar besitze er auch andere Grünflächen zwei Kilometer entfernt, doch die Tiere täglich quer durch das Dorf zu treiben, komme nicht in Frage. „Man braucht dazu Personal und außerdem müssten wir zwischen den vielen Lkw durch“, schildert Bäuerin Sandra Ehrenstrasser.

Auch die finanzielle Entschädigung der ÖBB sowie eine lukrative Umwidmung der Grundstücke in Gewerbeflächen konnten die Familie nicht überzeugen. „Ich will Bauer bleiben, die Felder sind für mich überlebensnotwendig“, sagt der 52-Jährige.

Ähnlich sieht das Ortsbauernobmann Georg Horngacher. Auch seine Felder wollen die ÖBB für den Zugausbau nutzen. „Nach den mindestens zehn Jahren Bauzeit würde es noch etliche Jahre mehr dauern, bis überhaupt wieder etwas auf den Wiesen wächst“, betont der Landwirt. Alle drei sind sich allerdings einig: Der Bahnausbau ist zur Verbesserung der Verkehrssituation in Tirol dringend notwendig.

Fordern eine Neuplanung für die zehnjährigen Baumaßnahmen: LK-Präs. Josef Hechenberger, Sandra Madreiter-Kreuzer, BM Josef Haaser, Martin Steiner, Georg Horngacher und Georg Ehrenstrasser (v. l.).
Fordern eine Neuplanung für die zehnjährigen Baumaßnahmen: LK-Präs. Josef Hechenberger, Sandra Madreiter-Kreuzer, BM Josef Haaser, Martin Steiner, Georg Horngacher und Georg Ehrenstrasser (v. l.).
- LK/Haaser

Rechtlich sitzen die Bauern allerdings am kürzeren Ast. Durch das große öffentliche Interesse könnte ihnen per Eisenbahngesetz eine Dienstbarkeit vorgeschrieben werden. So weit wollen es die ÖBB aber nicht kommen lassen, wie man in einer schriftlichen Stellungnahme mitteilt. „Wir befinden uns derzeit in Abstimmung mit der Landwirtschaftskammer und den betroffenen Bauern. Die ÖBB beabsichtigen nicht, die Dienstbarkeit einzufordern, sondern streben eine einvernehmliche Lösung an.“

Landwirtschaftskammer-Präsident Josef Hechenberger sicherte den Angathern bereits zu, sich auf politischer Ebene einzusetzen. „Die derzeitigen Pläne für die Baustellenfläche sind nicht nur für die Landwirtschaft, sondern für die gesamte Angather Bevölkerung eine Zumutung.“

Auch GR Martin Steiner stellt im Namen des ÖBB-Ausschusses der Gemeinde klar: „Die Baustelleneinrichtung, so wie sie jetzt geplant ist, können wir nicht haben.“ Zu nahe am Dorfzentrum, zu groß und außerdem „werden schätzungsweise zwischen vier und sechs Hektar Wald gerodet, und das in Zeiten, wo jeder vom Kampf gegen den Klimawandel spricht“. Die Rodung sei unumgänglich, heißt es von Seiten der ÖBB. Allerdings werde „nach Errichtung der Eisenbahnanlage im selben Ausmaß der Wald neu aufgeforstet“. Für die nächste Planungsphase will man eine „Optimierung der Angather Baueinrichtungsfläche untersuchen“.

BM Josef Haaser zeigt sich zuversichtlich, dass „bei Verhandlungen in den nächsten Monaten Verbesserungen erreicht werden können“.