Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 29.03.2015


Standort Tirol

Lage der Generation 50 plus ist prekär

Kosmetische Maßnahmen wie Lohnsubventionen und AMS-Kurse für mehr Beschäftigung älterer Arbeitnehmer reichen nicht aus. Es braucht radikale Reformen, sagen Betroffene.

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Von L. Pircher und A. Plank

Innsbruck – Dietmar Köhler gehört „zum alten Eisen“ im wörtlichen Sinn. Er ist der Obmann der gleichnamigen Arbeitsloseninitiative, die Menschen ab dem 40. Lebensjahr als Anlaufstelle dient. 30 Jahre lang war er im Ostexport in leitender Position tätig. Mit 56 Jahren erhielt er die Kündigung. Der Wiedereinstieg gelang nicht, schließlich wurde er in Frühpension geschickt. „Ich habe 500 Bewerbungen geschrieben. Erhalten habe ich 20 Standardabsagen. Einmal wurde ich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen.“

Seit 20 Jahren gibt es den Verein, der durchschnittlich 24 zahlende Mitglieder hat. Zur Beratung kämen hingegen viele, erzählt Köhler. „In all den Jahren sind mir zwei Fälle bekannt, in denen ältere Arbeitnehmer nach ihrer Kündigung wieder eine Stelle gefunden haben“, sagt Köhler.

Knapp 25 Jahre in leitender Funktion im Sozialbereich in einem Verein tätig war der Tiroler Josef S. (Name von der Redaktion geändert). Der Verein wurde aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen, Josef S. verlor mit 55 Jahren seine Stelle und kam in eine Arbeitsstiftung. Seitdem „orientiert“ er sich inklusive gecoachter „Perspektivenplanung“ neu. Seit Anfang März ist er arbeitslos.

Obwohl er auf Top-Qualifikationen verweisen kann, sieht er seinen Marktwert nüchtern: „Einen Job mit demselben Lohnniveau im Angestellten-Verhältnis wieder zu bekommen, ist unrealistisch. Da bin ich zu teuer. Deshalb trage ich mich momentan eher mit dem Gedanken, mich selbstständig zu machen.“ Er persönlich hat das Gefühl, dass sich die Wirtschaft aus Kostengründen ganz gerne älterer Arbeitnehmer entledigt und diese Richtung Sozialsystem Staat schiebt: „Es fehlt an innovativen Beteiligungsmodellen für Arbeitnehmer in Österreich. Stattdessen schaut man darauf, eine bestimmte Menge so kostengünstig wie möglich abzuschieben.“

Fakt ist: Die Arbeitslosenzahlen bei der Generation 50 plus steigen – allein in Tirol hat diese Gruppe im Monat Februar (verglichen mit dem Vorjahr) 12,7 Prozent an neuen Arbeitslosen zugelegt. Zahlen, die belegen, dass die Lage für ältere Arbeitnehmer immer prekärer wird. Der Slogan lautet nicht mehr: „Alt, aber bezahlt“, sondern immer häufiger: „Alt und auch nicht mehr bezahlt.“

Wenn nun im Zuge der Steuerreform darüber geredet wird, das Pensionsalter anzuheben bzw. die Beschäftigungsquote älterer Arbeitnehmer zu steigern – etwa mittels Lohnsubventionen, Teilpension oder einem Bonus-Malus-System (auf Eis gelegt, aber noch nicht vom Tisch) –, dann hat das für Betroffene und AMS-Experten zu wenig mit der realen Lage am Arbeitsmarkt zu tun: „In vielen Betrieben ist das Bewusstsein über den Wert älterer Arbeitnehmer, etwa deren Erfahrungsschatz und Routine, zu wenig vorhanden. Da wird zu selten hingeschaut, stattdessen werden Menschen oft nur als Kostenfaktor gesehen. Längerfristig gedacht zahlt sich der Wert erfahrener Arbeitnehmer aber aus“, sagt Sieghard Holzner. Der AMS-Experte ist u. a. für arbeitsmarktpolitische Sonderprogramme, etwa die Beschäftigungsinitiative 50 plus, zuständig. Er plädiert dafür, dass es zu AMS-Programmen parallel Aufklärungskampagnen geben sollte, die bei Firmen ein Mehr an Bewusstsein und Verantwortung für ältere Arbeitnehmer schaffen.

Für Tirols Wirtschaftskammer-Präsident Jürgen Bodenseer wäre das Bonus-Malus-System ein weiterer Anschlag nach der Kündigungsabgabe. „Die Wirtschaft hat genug von weltfremden, praxisfremden Sozialweltverbesserern“, so Bodenseer. Das wäre quasi ein „Ältere-Dienstnehmer-Verhinderungsgesetz“. „Was wir brauchen, ist eine flachere Lebenslohnkurve.“

Köhler findet, dass die Menschen von der Politik hinters Licht geführt werden. „Wir haben in Österreich fast eine halbe Million Arbeitslose, das ist ein Negativrekord in der Zweiten Republik. Ständig wird gesagt, dass noch nie so viele Menschen in Beschäftigung waren, aber da sind sehr viele prekäre Arbeitsplätze dabei.“ Laut UN-Menschenrechtskonvention habe jeder Mensch das Anrecht auf ein würdiges Leben, egal, ob er arbeitet oder nicht. „Ich bin ein Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens. Natürlich muss parallel auch ein Mindestlohn eingeführt werden“, so Köhler.

Als kurzfristigere Maßnahme schwebt ihm eine flexible Arbeitszeitverkürzung vor, die Stunden könnten erhöht werden, wenn die geburtenschwachen Jahrgänge ins Berufsleben eintreten. „Derzeit ist es so, dass immer weniger Menschen immer mehr Arbeit erledigen und die anderen finden keinen Job.“

Erstaunlicherweise schaut der Wiener aber nicht nur auf seine Klientel. „Am wichtigsten ist, dass die Jungen in den Arbeitsmarkt integriert werden. Ich würde es auch begrüßen, wenn man als Junger mehr verdient und dann die Gehaltskurve abflacht“, geht er mit Tirols oberstem Wirtschaftskämmerer teilweise d’accord. Das hätte zwei Vorteile: Die Jungen könnten sich eine Existenz aufbauen und die Älteren würden nicht mehr mit dem Argument „zu teuer“ gekündigt.

Viel zu wenig diskutiert werde die Situation der Frauen, sagt Köhler. Sie seien die Verlierer auf allen Ebenen. „Sie verdienen wenig, bekommen wenig Arbeitslosengeld und auch noch eine geringe Pension“, so Köhler. Immer noch seien es die Frauen, die den Löwenanteil der unbezahlten Haus- und Familienarbeit übernehmen würden.

Ursula Holtgrewe von FORBA (Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt) erklärt, dass sich nun zu einem Teil die Sünden der Vergangenheit rächen würden. „Wenn man Arbeit nicht gesund gestaltet und nicht auf Lerngelegenheiten geachtet hat, dann traut man Älteren weniger zu und diese resignieren in der Folge auch. Da muss man Arbeitsbedingungen insgesamt besser gestalten.“

50 plus: Fakten

Jeder vierte Arbeitslose in Österreich ist über 50. Fast die Hälfte der Langzeitarbeitslosen ist über 50.

In Tirol gibt es verglichen mit dem Vorjahr (Februar) einen Zuwachs von 12,7 Prozent an Arbeitslosigkeit in der Gruppe 50 plus.

Programme: Das AMS Tirol startet mit der „Beschäftigungsinitiative 50 plus“ einen Schwerpunkt. Mit verstärkter Förderung sollen u. a. im Jahr 2015 190 ältere Arbeitslose eine Arbeit in öffentlichen und gemeinnützigen Jobs finden – Land und AMS übernehmen hier rund 80 Prozent der Lohn- und Lohnnebenkosten in Gemeinden.