Letztes Update am Sa, 29.09.2018 07:24

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Smart-Chefin Annette Winkler: „Wie eine Schweizer Praline“

Annette Winkler hört als Smart-Chefin auf – im TT-Interview verteidigt sie die Kooperation mit Renault, das Preisniveau der Marke und die neue Elektro-Strategie.

© AMP/ZimmermannAcht Jahre lang verantwortete Annette Winkler (59) die Geschicke der Daimler-Kleinstwagenmarke Smart.



Welches war die längste Strecke, die Sie je mit einem Smart an einem Stück gefahren sind?

Annette Winkler: Ach, du liebe Zeit, da muss ich echt drüber nachdenken … Was mir spontan einfällt, sind 250 Kilometer, die ich in die Schweiz gefahren bin. Was mir dazu aber noch einfällt, ist, dass ein chinesisches Pärche­n in diesem Jahr die längste Smart-Strecke aller Zeiten absolviert hat – Anlass war der 20. Geburtstag der Marke. Das Pärchen ist von Peking bis nach Hambach gefahren, durch 45 Länder, 200 Tage lang, circa 60.000 Kilometer und befindet sich jetzt auf dem Rückweg.

Hätten Sie es im Fahrzeug länger ausgehalten als die von Ihnen erwähnten 250 Kilometer?

Winkler: Selbstverständlich!!! Ich fahre in der Stadt nichts anderes als Smart. Aber klar: Der Smart ist nicht für die Langstrecke gemacht, umso mehr freuen wir uns, wenn es Fans gibt, die zeigen wollen, wie gut das heute geht. Wir haben das Auto allerdings vor allem so gebaut, dass es das perfekte Stadtauto ist. Wir haben uns immer für die Dinge entschieden, die Menschen das Leben in der Stadt vereinfachen und entstressen.

Was spricht für die Anschaffung eines Kleinstwagens?

Winkler: Sie fühlen sich in keinem anderen Auto so frei in der Stadt wie im Smart. Es ist wirklich ein Freiheitsgefühl – nicht nur, wenn es um die Parkplatzsuche geht. Ein so kleines, kompaktes Auto zu bauen ist übrigens eine riesige Herausforderung für unsere Ingenieur­e, insbesondere wenn es so große Sicherheitsanforderungen hat. Wir sind sehr stolz darauf, dass es uns gelungen ist, ein so einzigartig kompaktes Stadtauto zu bauen.

Gibt es immer noch Sicher­heitsbedenken von manchen Menschen hinsichtlich der Kleinheit von Smart-Fahrzeugen?

Winkler: Ich habe zwei eindrucksvolle Erinnerungen: Eine bezieht sich auf einen Crashtest, wo ein Smart gegen eine S-Klasse von Mercedes gecrasht wurde. Der Smart war so wenig verformt, dass sogar die Tür normal auf- und zugemacht werden konnte. Die zweite Erinnerung bezieht sich auf einen großen SUV in den USA. Der wurde auf den Smart gestellt – und unsere Karosserie hält das locker aus. Bestandteil unseres Fahrzeugkonzepts ist ja die Tridion-Zelle, die die Passagiere wie eine Nussschale umhüllt. Dieses Sicherheitskonzept hat sich mittlerweile herumgesprochen. Es ist ideal und geht schon auf die Gründung von Smart zurück.

Manche, die an einem Smart interessiert sind, beklagen sich über den Anschaffungspreis – finden Sie das Auto fair eingepreist?

Winkler: Der Smart ist ein Premiumauto und ist dementsprechend absolut fair eingepreist. Das gilt auch für den elektrischen Smart, der immer wichtiger für uns wird. Es ist nicht trivial, ein so kleines Auto zu bauen. Das ist wie die berühmte Schweizer Praline, die genauso viel kostet wie eine große Tafel Schokolade. Im Smart müssen wir auf geringstem Raum sehr viel Technik integrieren, insbesondere für die Sicherheit. Aber auch ein angepasstes Getriebe, ein spezieller Heckmotor – das wird alles in die 2,69 Meter Fahrzeugkürze hineingeschneidert.

Auch Renault musste vor ein paar Jahren hinein – läuft die Kooperation mit dem französischen Hersteller zu Ihrer Zufriedenheit?

Winkler: Ja, wir sind sehr stolz darauf, wie gut wir mittlerweile zusammenarbeiten. Es gibt ja viele Kooperationen, die nicht gut gelaufen sind. Smart aber war schon immer eine multikulturelle Marke, übrigens ja auch – durch unser Werk in Lothringen – ausgesprochen frankophil.

Hat sich Smart etwas Gutes damit getan, mit Renault eine Zusammenarbeit zu starten?

Winkler: Ich meine ja. Man hat zwar unterschiedliche Entwicklungsprozesse, Produktionsprozesse, IT-Systeme. Aber ich denke, wir haben schnell gelernt, voneinander zu lernen, wir teilen das, was beiden Seiten etwas bringt, dabei beachten wir aber trotzdem ganz stark das Prinzip der Markentrennung.

Smart hat in mehr als zwei Jahrzehnten mehr als zwei Millionen Fahrzeuge verkauft – dennoch heißt es, dass die Marke verlustträchtig ist. Stimmt das?

Winkler: Bekanntermaßen geben wir keine Ergebnisse pro Baureihe bekannt. Ich kann nur sagen, dass Daimler nicht so lange an einem Fahrzeug festhalten würde, wenn es keinen positiven Beitrag leistet. Dass die Entscheidung, ab 2020 nur noch elektrische Modelle anzubieten, eine große Herausforderung sein wird, ist gar keine Frage.

Eine Frage ist jedoch, ob Sie Probleme mit der Bereitstellung von Akkus haben, wie gelegentlich berichtet wird …

Winkler: … wir werden gerade von unserem eigenen Erfolg eingeholt. Wir haben das Volumen für den elektrischen Smart sehr hoch eingeschätzt – aber wir haben mit dem Modell auch auf Märkten einen ungeahnten Erfolg, die anfangs sehr zögerlich waren. Wir planen folglich eine erhebliche Erweiterung der Kapazitäten für die E-Komponenten, aber die Umsetzung braucht eben einfach seine Zeit.

Früher gab es schon einen Forfour (erste Generation) und einen Roadster – beide wurden eingestellt. Waren diese Modelle ein Fehler?

Winkler: Die Tatsache, dass wir wieder einen Forfour gebracht haben, zeigt, dass es kein Fehler war. Und der Roadster ist für viele der beliebteste Smart überhaupt, weil er herrlich emotional ist. Aber für ihn gibt es nur eine klein zugeschnittene Kundengruppe. Für ihn würde es eine eigene Plattform brauchen, leider rechnet sich das in diesem Segment nicht.

Stünde Smart heute anders da, wenn von Anfang an ein Mercedes-Logo auf der Vorderseite angebracht worden wäre?

Winkler: Smart ist Smart, die Marke hat ihr eigenes Image aufgebaut. Mercedes ist eine andere Marke mit anderen Attributen. Was uns sehr gut tut, ist, dass fast jeder Mercedes-­Händler Smart vertreibt. Hier geht es um Sicherheit, Komfort, Premium – genau in diesem Umfeld bewegen wir uns auch mit Smart.

Das Interview führte Markus Höscheler




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