Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 29.04.2019


Exklusiv

Das Lokal als Bankomat: Zwei Wirte als Banker

Im Gasthaus Maultasch in Grins und im Stanzer Dorfwirt kann man seit letzter Woche Geld beheben. Die Wirtsleute schließen damit eine Versorgungslücke.

Die Wirtin im Gasthof Maultasch, Peggy Wallgram, serviert seit Kurzem zum Kaffee auch Bargeld.

© ReichleDie Wirtin im Gasthof Maultasch, Peggy Wallgram, serviert seit Kurzem zum Kaffee auch Bargeld.



Von Matthias Reichle

Stanz, Grins – „Einen Verlängerten und 50 Euro bitte.“ Im Gasthaus Maultasch ist eine Bestellung wie diese nichts Ungewöhnliches mehr. Zum Kaffee serviert Wirtin Peggy Wallgram dann einen frischen 50-Euro-Schein und rechnet mittels mobiler Bankomatkassa ab. Seit letzter Woche sind sie und ihr Mann Christian nämlich unter die Banker gegangen – sie nehmen nicht nur Geld ein, sondern geben auch welches aus. Sprich, die Wirtsleute sind der neue „Bankomat“ im Ort.

„Es gibt schon einige Stammgäste, die gehört haben, dass es diese Möglichkeit gibt, und die das nutzen“, betont die Wirtin. Rund 1000 Euro seien seit Anfang letzter Woche bereits behoben worden.

Es ist ein Pilotprojekt, das die Raiffeisenbank Oberland gemeinsam mit zwei Gasthäusern – dem Gasthof Maultasch und dem Dorfwirt in Stanz – ins Leben gerufen hat. In beiden Orten fehlt ein Bankomat.

Schon seit die Bank 2015 ihre Filiale in Grins geschlossen hatte, gab es in der Gemeinde keine Möglichkeit mehr, Bargeld abzuheben. Dazu war eine Fahrt nach Landeck nötig.

Das Geldinstitut hat mit dem Projekt Neuland betreten, wie Vorstand Roger Klimek berichtet. „Wir haben uns den Kopf zerbrochen.“ Es galt, einige Probleme zu lösen, für die Gäste ist es nun aber relativ einfach, an Geld zu kommen: „Wenn man im Gasthaus etwas konsumiert, kann man bis zu 200 Euro abheben“, erklärt Klimek das Prozedere. Die Bedingung, dass man etwas bestellen muss, freut nicht nur den Wirt, das habe auch rechtliche Gründe und soll Geldwäsche vorbeugen. Die Kosten für das Essen oder das Getränk werden dann gemeinsam mit der behobenen Summe vom Konto abgebucht. Nötig ist es, die Bankomatkarte mitzubringen, zusätzliche Gebühren entstehen nicht.

Während es in einigen Supermärkten schon länger die Möglichkeit gibt, Geld abzuheben, glaubt Klimek, dass man bei Gasthäusern österreichweit damit Vorreiter ist. „Ich habe recherchiert, aber nichts gefunden“, berichtet er. Somit gibt es allerdings auch keine Erfahrungswerte. „Wir wollen jetzt mit der Bevölkerung lernen.“ Wenn es funktioniert, dann will man das auch in anderen Gemeinden anbieten.

„Die ersten Reaktionen waren positiv“, betont Christian Wallgram, „es gibt genug Bauern im Ort. Wenn bei denen in der Nacht der Tierarzt kam und sie nicht genug Geld hatten, mussten sie extra nach Landeck fahren.“ Jetzt gehen sie schnell ins Gasthaus. Geld beheben kann man zu den Öffnungszeiten.

Auch in Stanz wurde das Angebot schon mehrfach genutzt – in etwa zehnmal in den letzten Tagen, erklärt Wirt Marco Gringinger, der im Dorfwirt auch schon einen kleinen Dorfladen betreibt. „Ich glaub­e, dass es in Stanz noch nie einen Bankomaten gegeben hat“, schmunzelt er. „Ich finde es gut, die Stanzer müssen nicht nach Landeck und können gleich etwas konsumieren“ – das freut auch den Gastronomen. Er erwartet, dass die Behebungen nun ansteigen werden. Die Bank will nämlich via Flugblatt Gutscheine unter den Stanzern und Grinnern verteilen, mit denen sie auf ein Getränk eingeladen werden, wenn sie den Service testen. Ein großer Aufwand sei der Betrieb des „Bankomaten“ nicht. Das betont auch Christian Wallgram. Mehr Geld als früher habe man nämlich nicht im Haus. Ein „Banküberfall“ im Grinner und Stanzer Gasthaus rentiere sich deshalb nicht.

An der Eingangstür des Stanzer Dorfwirts klebt jetzt ein Bankomatsymbol. Wirt Marco Gringinger findet die Idee gut.
An der Eingangstür des Stanzer Dorfwirts klebt jetzt ein Bankomatsymbol. Wirt Marco Gringinger findet die Idee gut.
- Reichle