Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 11.05.2019


Exklusiv

Porsche Holding gibt global Gas, Offensive in Tirol

„Wir sind auf weltweites Wachstum gepolt“, sagt der Chef der Porsche Holding in Salzburg, Hans Peter Schützinger, im TT-Gespräch.

Die Porsche Holding mit Vorstandschef Hans Peter Schützinger dirigiert von Salzburg aus den Verkauf in weltweit bald 29 Länder.

© Mieling RichardDie Porsche Holding mit Vorstandschef Hans Peter Schützinger dirigiert von Salzburg aus den Verkauf in weltweit bald 29 Länder.



Von Alois Vahrner

Salzburg — Im Jahr 1949, also genau vor 70 Jahren, begann mit der Verlegung der Porsche Konstruktionen von Gmünd nach Salzburg eine damals so noch nicht erwartbare Erfolgsstory. Louise Piëch, die Tochter von Prof. Ferdinand Porsche, forcierte von Salzburg aus den Import von VW nach Österreich. Ihr Bruder Ferry Porsche ging nach Stuttgart zurück, wo er 1950 den Grundstein für die Sportwagenfertigung (die heutige Porsche AG) legte. Die beiden Geschwister waren an den Unternehmen wechselweise mit je 50 Prozent beteiligt.

Heute ist die Porsche Holding nach einer Reihe von Expansionsschritten das größte Automobilhandelshaus Europas und mit zuletzt über 20 Mrd. Euro neben der OMV Österreichs umsatzstärkstes Unternehmen. Die Gruppe hat zurzeit 30.900 Beschäftigte, davon allein 5800 in Österreich.

Vor allem die Ostöffnung und dann 2011 die Eingliederung in den VW-Konzern (zuvor war die Übernahme des Volkswagen-Konzerns durch Porsche gescheitert, die Familien Porsche

Piëch, sind Hauptaktionär bei Volkswagen) hätten zu massivem Wachstum geführt. „Wir sind die Vertriebsspezialisten im Konzern und sind auch dank der uns von der Volkswagen AG gegebenen Chancen auf weltweites Wachstum gepolt", so Schützinger. Mittlerweile ist die Porsche Holding (noch heuer soll Portugal hinzukommen) in unterschiedlicher Form in weltweit 29 Ländern tätig, neben Europa u. a. auch in Kolumbien, Chile, Malaysia, Singapur, Brunei, Japan und China. Allein dort betreibe man 30 Einzelhandelsstandorte. „Wir bieten mit Großhandel, Einzelhandel und Finanzdienstleistungen alles aus einer Hand und schicken auch unsere eigenen Spezialisten in die Länder", so Schützinger.

In Österreich sei man mit der Marke Volkswagen seit 1957 ununterbrochen die Nummer 1. Im Vorjahr sei der Verkaufs-Marktanteil der Konzernmarken VW, Audi, Seat und Skoda bei 34 Prozent gelegen, heuer nach dem ersten Jahresdrittel bei über 36 Prozent. „VW vor Skoda und Seat heißt es bei den Marken. VW Golf, Skoda Octavia, VW T-Roc und VW Tiguan belegten die ersten vier Plätze, wir haben sieben unserer Modelle in den Top 10 und gleich 14 in den Top 20", sagt der Porsche-Holding-Chef. Das Verkaufsminus um etwa 10 Prozent zum Vorjahr beunruhigt ihn nicht. 2018 habe es einen Boom an Vorziehkäufen wegen der mit September in Kraft getretenen neuen Pkw-Abgastests WLTP gegeben. Im Gesamtjahr 2018 gab es mit 343.000 Neuzulassungen das drittbeste Jahr der Geschichte.

In den österreichischen Auto-Einzelhandel hat die Porsche Holding laut Schützinger in den letzten Jahren fast 100 Mio. Euro investiert. In Tirol gehören die VOWA, Porsche Innsbruck sowie Kufstein, Wörgl und St. Johann zur Porsche Inter Auto, die VOWA in Innsbruck werde man modernisieren. Übernahmen von lokalen Autohändlern plane man keine, so Schützinger. Ganz generell erwartet er trotz der Digitalisierung und zunehmender Internet-Angebote bei den Volkswagen-Konzernmarken keine spürbare Änderung der Händlerstruktur.

„Autopreise steigen spürbar an"

Porsche-Holding-Chef Hans Peter Schützinger zu Diesel, E-Autos, der Klagswelle und einem prognostizierten Kostenschub.

„Wir wollen Autos verkaufen und nicht streiten", sagt Schützinger zur Diesel-Affäre des Volkswagen-Konzerns und zu anhängigen Klagen (Hunderte Einzelklagen gegen Händler, dazu diverse Musterklagen). Mittlerweile gebe es auch in Europa „eine richtiggehende Klags-Industrie", so Schützinger.

Die Abgas-Manipulationen hätten die Beziehung zu den Kunden zweifellos belastet. „Die Händlerbetriebe haben mit großem Einsatz, guter Beratung und den erfolgten Abgas-Nachrüstungen neues Vertrauen aufgebaut." Von den 380.000 betroffenen Fahrzeugen sei der überwiegende Teil bereits nachgerüstet. „Die Updates funktionieren einwandfrei, das haben ÖAMTC und TU Wien bestätigt."

Die Diskussionen auch über den Klimawandel und Diesel-Fahrverbote in Deutschland („in Österreich sind keine vergleichbaren Verbote zu erwarten") hätten dennoch zu Verunsicherung und einem veränderten Kaufverhalten geführt. So sei der Anteil von Diesel-Neuzulassungen von etwa 60 auf 40 Prozent gesunken. Der Anteil gehe aber bei den Volkswagen-Konzernmarken in Österreich wieder etwas nach oben. Die Stickstoffoxid-Frage werde mit modernen Dieselmotoren in absehbarer Zeit gelöst sein.

Die von der EU beschlossenen neuen Abgasvorschriften würden in den kommenden Jahren zu einer spürbaren Verteuerung von Neuwagen führen, sagt Schützinger. Um alle zukünftigen Vorschriften zu erfüllen, müsste immer mehr Technik in die Fahrzeuge eingebaut werden. Diese Mehrkosten könnten die Hersteller nicht komplett auffangen. „Mobilität, die dann strukturell auch eine umweltfreundlichere Mobilität wird, würde teurer. Prozentual am stärksten betroffen wären dabei die Kleinwagen."

Schützinger rechnet in Zukunft mit deutlich höheren Verkaufszahlen von Elektroautos. Mit 3,1 Prozent Anteil liege Österreich aber schon im Vorderfeld in Europa. Auch Gas (ein Viertel weniger CO2 als beim Sprit) sei ein Thema, in Zukunft dann auch Wasserstoff. Der Elektromobilität gehöre die Zukunft: 2025 wolle die Marke Volkswagen mehr als 1 Mio. E-Autos pro Jahr verkaufen und Weltmarktführer in der Elektromobilität sein. Insgesamt bringe die Marke bis 2025 mehr als 20 ­E-Modelle auf den Markt.

„Ziel ist, dass die Autos inklusive Produktion CO2-neutral an die Kunden übergeben werden können." Dazu richte Volkswagen schon beim ID, der 2020 auf den Markt kommen wird, die gesamte Wertschöpfungskette auf die Vermeidung und Senkung von CO2-Emissionen aus. Aber auch Erdgasmodelle (um ein Viertel weniger CO2 als beim Sprit) seien ein aktuelles Thema, längerfristig möglicherweise auch Wasserstoff.

Zu Unrecht immer wieder in einen Topf als Umweltsünder geworfen sieht der Porsche Holding-Chef die SUV. Deren Marktanteil liegt mit 37 Prozent nur noch ganz knapp hinter der „Golf-Klasse" (Kompaktautos). Der weit überwiegende Teil der SUV seien nicht große Wagen, sondern die etwas höher gebaute Kompaktklasse.