Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 14.05.2019


Unternehmen

Nur das Silicon Valley hat mehr Einhörner als Schweden

Schweden ist die Start-up-Schmiede Europas. Der Arztbesuch erfolgt immer öfter über das Internet, Bargeld wird häufig nicht mehr akzeptiert.

Rund 20.000 Schweden pro Monat lassen sich über das Internet vom Arzt beraten und untersuchen.

© Getty Images/iStockphotoRund 20.000 Schweden pro Monat lassen sich über das Internet vom Arzt beraten und untersuchen.



Von Stefan Eckerieder

Stockholm – Schweden gilt als das Silicon Valley Europas. Acht so genannte Einhörner hat die schwedische Hauptstadt bislang hervorgebracht. Das sind Start-ups, deren Wert Investoren auf mehr als eine Milliarde Dollar schätzen. Gemessen an der Zahl der Unicorns liegt Stockholm nach dem Silicon Valley auf Rang zwei. Zu den erfolgreichsten zählen das Internettelefonie-Netzwerk Skype und der Musikstreaming-Dienst Spotify. Sie alle sind so genannte disruptive Innovationen, die bestehende Technologien oder Produkte ersetzen oder vom Markt verdrängen. So drängte Skype die Mobilfunker dazu, sich ein neues Geschäftsmodell zu suchen, Spotify ließ weltweit die CD-Verkäufe einbrechen. Noch bevor in der Wirtschaftswelt von Start-ups die Rede war, hat Schweden bereits ein Unternehmen hervorgebracht. Obwohl Österreich nur etwas weniger Einwohner als Schweden (10 Mio.) hat, hat es hierzulande noch kein Milliarden-Start-up gegeben. Das Innovationsranking der EU wird von Schweden angeführt, Österreich liegt auf Rang zehn.

Zufall? Wohl eher nicht, sagt der schwedische Entrepreneur und Marketing-Experte Peter Ingman: „Die Schweden sind Early Adopters, die schnell ohne Skepsis neue technische Errungenschaften nutzen. Österreich gelte hingegen als skeptisch gegenüber neuer Technik.“ Die Offenheit der Schweden äußert sich unter anderem in ihrer weitgehend bargeldfreien Gesellschaft. Bezahlt wird mit Karte oder Handy-Bezahlsystemen. In vielen Cafés und Bars wird Bargeld nicht mehr akzeptiert.

Immer mehr Schweden legen auch ihre Gesundheit in die Hände der Digitalisierung. Die Anwendung „Doktor24“ will dem Ärztemangel am Land entgegenwirken. Rund 20.000 Schweden lassen sich vom Arzt nicht nur über das Internet beraten, sondern sogar untersuchen. Dafür kaufen sie sich um knapp 300 Euro medizinische Geräte, die über das Internet neben Körpertemperatur auch Herzschlag und Blutdruck in Echtzeit übermitteln. Der Arzt hört auch mit, wenn sich Patienten mit einem digitalen Stetoskop selbst abhören. Der Großteil der Kosten wird von der Krankenkasse übernommen. Ärzte aller Fachrichtungen sind 24 Stunden erreichbar. „Die Zahl der Patienten wächst um zehn Prozent pro Monat“, sagt Daniel Johannson von Doktor24.

Im Unternehmertum ist laut Ingman auch die Unternehmenskultur ein Treiber für Innovationen. „Die Hierarchien sind flach. Mitarbeiter können Ideen direkt mit dem Chef besprechen und diese werden rasch ausprobiert. In Deutschland und Österreich dauert es oft sehr lange, bis Vorschläge von Mitarbeitern an der Spitze ankommen.“

„In Schweden gibt es offenbar ein großes Bewusstsein dafür, dass Innovationen einen großen Beitrag für den Wohlstand der Gesellschaft leisten“, sagt Jan Trionow, Österreich-Chef des Mobilfunkers „Drei“, auf dessen Initiative mehrere heimische Unternehmen eine mehrtägige Vernetzungsreise nach Stockholm („DreiDigital­Impulstour“) unternommen haben. Auch die TT begleitete die Reise auf Einladung von „Drei“. Österreich hinke zwar im Start-up-Bereich Schweden noch hinterher, dennoch sei man nicht auf verlorenem Posten, meint Trionow: „Bei der Einführung des neuen schnelleren Mobilfunkstandards 5G sind wir vorne. Das gibt Hoffnung. Die ersten Netz­e sind in Österreich gestartet, während die Schweden noch diskutieren.“ Drei will in wenigen Wochen mit den ersten 5G-Netzen „on air“ gehen.

„In Österreich und Tirol verspüren die Unternehmen oft weniger Innovationsdruck, weil sie meist lange erfolgreich in ihrem Bereich sind“, sagt Christian Schernthaner vom Tiroler Institute of Microtraining am Rande der Impulstour. „Während sich die Schweden rasch auf etwas Neues einlassen, denkt man bei uns länger darüber nach. Das kann oft auch ein Vorteil sein“, meint Schernthaner.