Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 14.09.2019


TT-Interview

AVL-Personalchef: „Autoritär zu führen, ist nicht mutig“

Die Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts brauche eine andere Art des Führens und des Miteinanders, sagt AVL-Personalchef Markus Tomaschitz. Eine Veranstaltung rückt die Zukunft der Arbeit ins Zentrum.

Autoritär zu führen, findet der HR-Direktor von AVL, Markus Tomaschitz, heutzutage nicht besonders mutig.

© iStockphotoAutoritär zu führen, findet der HR-Direktor von AVL, Markus Tomaschitz, heutzutage nicht besonders mutig.



Im Klappentext Ihres Buches „Management 4.0: Vorbereitung auf die Zukunft“ steht der einprägsame Satz: „Die Realität klopft an die Tür, immer lauter, aber Entscheidungsträger weigern sich beharrlich aufzumachen und schauen stattdessen lieber in die Vergangenheit.“ Was ist mit dieser Aussage konkret gemeint?

Markus Tomaschitz: Ich glaube, dass die Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts eine andere Art des Führens und Miteinanders braucht. Das ist ein weitaus stärkerer Demokratisierungsprozess, der auch mit Mut einhergeht. Autoritär zu führen ist nicht besonders mutig. Junge Leute wollen auch schon in sehr frühem Alter mitreden und bei Entscheidungen mitwirken können. Und das wird durch die Digitalisierung unterstützt, weil Information dann wirklich demokratisch zugänglich ist. Das haben viele Unternehmen noch nicht verstanden.

Markus Tomaschitz ist seit 2015 Executive Vice President Corporate HR bei AVL List GmbH in Graz, Studium BWL an der KFU Graz und MBA an der California State University Hayward, CA.
Markus Tomaschitz ist seit 2015 Executive Vice President Corporate HR bei AVL List GmbH in Graz, Studium BWL an der KFU Graz und MBA an der California State University Hayward, CA.
- Christian Jungwirth

Ist konservative Führung in Österreich stärker vertreten als beispielsweise in anderen EU-Ländern?

Tomaschitz: Es gibt eine wunderbare Studie, in der ein Expertenkreis innerhalb der EU Stärke- und Schwächefelder von jetzigen Arbeitsumgebungen miteinander verglichen hat. Was ganz stark beobachtbar ist, ist, dass Deutschland und Österreich (sie sind sich hier ziemlich ähnlich) dort, wo es um herausfordernde Aufgaben, Kreativität und das Lösen von schwierigen Aufgaben geht, besser sind als alle andere. Schlecht sind wir, weil wir Menschen zu viel vorschreiben. Nämlich dann, wenn sie eine Pause machen müssen, oder bei 16-seitigen Berichten über Reisekostenabrechnungen. Wir gehen immer davon aus, dass ein—zwei Prozent der Menschheit der Organisation schaden will.

Ein Beispiel?

Tomaschitz: Wir hatten bis vor Kurzem bei der AVL noch diese wunderbare Darstellung im Stiegenhaus: „Wenn Sie die Stiege nutzen, müssen Sie den Handlauf benützen.“ Österreichische Unternehmen neigen dazu, ihre Mitarbeiter wie kleine Kinder zu behandeln, und erwarten von ihnen gleichzeitig Kreativität, Digital Thinking u. v. m. Es ist eine Sache des Managements, dass man seinen Leuten vertraut. Und in 98 Prozent der Fälle wird das Vertrauen nicht missbraucht werden. In zwei Prozent ja. Aber diesen Preis müssen wir bezahlen. Weil die Alternative ist die, dass wir jedes Mal, wenn jemand unser Vertrauen missbraucht, eine neue Regel schaffen, die 98 Prozent restlos frustriert.

Wovon hängt heutzutage Erfolg ab, für Unternehmen und Einzelpersonen?

Tomaschitz: Was Unternehmen erfolgreich macht, ist die Fähigkeit, sich anzupassen. Also, auf neue Gegebenheiten möglichst rasch zu reagieren, nicht dem Alten hinterherzujammern und neue Herausforderungen anzunehmen. Und auch als Führungskraft überzeugend vorzuleben, dass es sich lohnt, diesen Transformationsprozess einzugehen. Es sitzen alle im gleichen Boot, wenn es die Mitarbeiter nicht schaffen, schaffen wir es nicht und umgekehrt. Wir brauchen beide. Diese Kultur der wechselseitigen Abhängigkeit zu schaffen, ist eine Management- und Führungsaufgabe, die angegangen werden muss. Wenn man immer nur versucht, etwas zu verhindern, oder vor etwas Angst hat, wird es schwierig werden.

Und für den Einzelnen?

Tomaschitz: Für den Einzelnen gilt: Kenne dich selbst! Wir müssen in die Fähigkeit investieren, uns selbst wirklich gut einschätzen zu können. Wie ist meine Persönlichkeit? Was sind meine Stärken? Um diese dann auch zur Geltung zu bringen. Das heißt aber auch, dass ich als Unternehmer wissen muss, was mein Mitarbeiter gut macht und ob er im Betrieb richtig eingesetzt ist.

Ihr Workshop beim HR-Kongress Future of Work heißt „Mensch oder Maschine vs. Mensch und Maschine: Wie schaut die Arbeit der Zukunft aus?“. Wer wird den Kampf gewinnen?

Tomaschitz: Wenn man sich wissenschaftliche Studien ansieht und das, was sich bisher in Unternehmen ändert, dann erscheint es sehr wahrscheinlich, dass es ganz stark in Richtung Mensch UND Maschine geht. Es ist nicht so, dass der Roboter den Menschen oder dessen Arbeitskraft ersetzt. Aber: dass sich der Mensch Roboter, Algorithmen und alles, was sich digitalisieren lässt, zu eigen macht. Dass es also eher eine Symbiose wird.

Und wie sieht sie aus: die Arbeit der Zukunft?

Tomaschitz: Es geht weniger darum, sich zu fragen, wie wir arbeiten werden, sondern, wie wir arbeiten wollen. Weil wir uns nach wie vor wünschen, dass Menschen in der Dienstleistung sind und dass wir Menschen in Produktionsprozessen haben. Ein Beispiel: Zwischen den Zeilen lesen zu können — es wird Jahrzehnte, wenn nicht überhaupt Jahrhunderte, dauern, bis das ein Algorithmus oder ein Computer wirklich beherrschen wird. Womit wir aufhören müssen, ist, uns ständig dort mit dem Computer zu vergleichen, wo er uns einfach überlegen ist. Ja, er spielt besser Schach und Poker, in der Rechnerleistung ist er unserem Gehirn voraus. Aber im Einfühlungsvermögen, wie man jemandem etwas sagt und im zwischenmenschlichen Bereich ist ihm der Mensch nach wie vor haushoch überlegen.

Das Gespräch führte Nina Zacke

Future of Work

Der HR-Kongress für West-Österreich findet von 25. bis 26.09.2019 in Salzburg-Fuschlsee statt. Beim zweitägigen Kongress steht vor allem der intensive Austausch zwischen den HR-Managern im Vordergrund. In rund 36 Workshops werden relevante Themen von Fachexperten anmoderiert und dann in kleinem Rahmen diskutiert.

Mensch oder Maschine vs. Mensch und Maschine: Wie schaut die Arbeit der Zukunft aus: 25.09. um 15 Uhr, Markus Tomaschitz (AVL List).

Wer nicht in New Work investiert, verliert: 25.09. um 16.40 Uhr, Kristina Knezevic (Country Manager Österreich/Xing E-Recruiting).

Mehr Infos und alle Workshops unter west.futureofwork.co.at




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