Letztes Update am Fr, 04.10.2019 11:56

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Reiseveranstalter

Cook-Pleite: Auch Reisen ab November abgesagt, Angst vor “Tsunami“

Der griechische Hotelverband rechnet mit Kosten von 500 Millionen Euro. Spanien befürchtet Verluste in der Höhen von rund 200 Millionen Euro.

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© APA (dpa/gms/Thomas Cook)/ThomasSymbolfoto



Athen, London – Die Thomas Cook Austria wird nun auch alle Reisen ab dem 1. November 2019 nicht mehr durchführen - das hat der Versicherungsabwickler Allianz Partners (AWP P&C S.A.) am Freitag mitgeteilt und sich dabei auf Angaben des Masseverwalters Günther Hödl berufen. Bisher waren erst Reisen bis Ende Oktober endgültig abgesagt.

Alle bereits getätigten Anzahlungen von Kunden, die noch bei den Reisebüros verblieben und noch nicht an Thomas Cook Austria weitergeleitet worden sind, hat der Masseverwalter freigegeben. Das betrifft alle Anzahlungen für Reisen ab 5. Oktober 2019. Alle betroffenen Pauschalreisenden könnten von ihren Reisebüros ihr Geld zurückverlangen oder neue Reisen buchen, heißt es in der Mitteilung.

Info:

Für die abgesagten Reisen bis zum 4. Oktober 2019 müssen sich die betroffenen Reisekunden mit ihren Ansprüchen via E-Mail (thomascook.at@allianz.com) an Allianz Partners wenden. Das gilt auch für Kunden, die ihre Pauschalreise direkt telefonisch oder im Internet bei Thomas Cook Austria gebucht haben.

Von ursprünglich rund 4.500 betroffenen österreichischen Urlaubern sind nach Angaben der Wirtschaftskammer nur mehr rund 700 in den Reisegebieten und auch diese sollen in den nächsten Tagen zurückkommen.

Finanzielle Schäden für Kunden, die eine Pauschalreise gebucht haben, werde es dank der verpflichtenden Insolvenzabsicherung für Veranstalter nicht geben, erklärte der Obmann des Fachverbandes der Reisebüros in der WKÖ, Gregor Kadanka, am Freitag in einer Mitteilung. „Die Thomas Cook Austria AG ist mit über 20 Mio. Euro insolvenzabgesichert. Abgesehen von den entstandenen Unannehmlichkeiten werden Pauschalreisende, die bei der österreichischen Tochter gebucht haben, somit wohl keine finanziellen Verluste hinnehmen müssen.“

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Massive Ausfälle in Top-Destinationen

Indessen bangen bangen Hoteliers weltweit um Zahlungen des insolventen Konzerns für die diesjährige Saison– und die gesamte Branche um ihre Zukunft nach der Insolvenz des Reise-Riesen. Optimistisch stimmt manche, dass die gewaltige Marktmacht des Konzerns gebrochen wird. Doch ob sich die Preise für Urlauber im Jahr 2020 nach oben oder nach unten bewegen werden, vermag bisher niemand zu sagen.

Die griechische Rechnung offenbart das Ausmaß der Katastrophe. Allein mit 200 Millionen Euro direkten Ausfällen – sprich, nicht gezahlten Rechnungen von Thomas Cook – rechnet der griechische Hotelverband HHF (Hellenic Hotel Federation) für die Saison 2019. „200 Millionen ausstehender Rechnungen zuzüglich 115 Millionen Euro jener Gäste, die nach der Pleite im Oktober gar nicht mehr angereist sind“, sagt Grigoris Tasios, Präsident des griechischen Hotelverbandes.

Und dann müsse man die Pleite auch systemisch sehen: „Daran hängen Angestellte, Steuerzahlungen an die Staatskasse, die Bezahlung von Zulieferern.“ So gelangt Griechenland auf die stattliche Summe von 500 Millionen Euro – für dieses Jahr. Insgesamt gibt es in Griechenland rund 10.000 Hotels, davon viele aber sehr klein. Von den großen haben 1200 einen großen Anteil an Thomas-Cook-Touristen. Viele von ihnen müssen sich nun ernsthaft Gedanken machen. Ein paar Dutzend dieser Hotels waren sogar direkte Franchise-Partner des britischen Konzerns – bei ihnen stellt sich die Frage nach der Zukunft besonders akut.

In Spanien sieht es ebenfalls nicht besonders gut aus. Allein der Schaden durch offene Rechnungen beträgt dort Fachleuten zufolge heuer mindestens 200 Millionen Euro, davon alleine auf Mallorca 100 Millionen. Die Kosten entstehen – genau wie in Griechenland – nicht nur durch mögliche Ausfälle bei der Begleichung aktuell offener Rechnungen seitens Thomas Cook, sondern auch durch entlassenes Personal, Steuern, die wegen der Ausfälle nicht gezahlt werden können, und Hotel-Zulieferern, die leer ausgehen.

In der Türkei würden manche Unterkünfte wegen der Pleite in jedem Fall früher schließen als geplant, heißt es seitens des dortigen Hotelverbands Türofed. Deutlicher äußert sich der Tourismus-Beratungsrat TIK: Er spricht von einer „schweren Krise“, die zunächst mit bis zu 350 Millionen Euro zu Buche schlagen könnte.

Die schwersten Auswirkungen der Pleite zeigten sich nicht in der Tourismushochburg Antalya, sondern in den weiter nordwestlich gelegenen Ferienstädten Marmaris, Fethiye oder Dalaman sowie der Ägäis-Region, sagt der Türofed-Chef Osman Ayik. Konkrete Zahlen hat er zunächst nicht parat. „Es wird noch etwas Zeit brauchen.“ Etwa tausend Unternehmen seien betroffen, erst in den kommenden Jahren werde sich das Ausmaß zeigen.

„Krisen-Tisch“

Die Hotelierföderation Türofed hat einen „Krisen-Tisch“ gegründet. Hier gehe es auch um die Begleichung von Schulden und Hilfe für „Firmen, die dringende Barzahlungen benötigen“. In Griechenland gibt es ebenfalls Forderungen der Verbände an die Regierung zur finanziellen Unterstützung oder wenigstens Steuerentlastungen in diesem wichtigen Bereich, der direkt rund 25 Prozent des griechischen Bruttosozialprodukts stemmt und indirekt für rund 35 Prozent verantwortlich sein dürfte.

Doch nicht nur Destinationen in und um Europa herum sind betroffen. So trifft das Aus für Thomas Cook in Afrika vor allem ein kleines Land, das große Hoffnungen auf den Tourismus gesetzt hatte: Gambia. Der Reiseveranstalter hatte das westafrikanische Land vor allem zwischen November und April angeflogen. Für die Wirtschaft des bitterarmen Staates - er gilt als kleinster auf dem gesamten Kontinent - ist die Nachricht von der Pleite eine einzige Katastrophe: Der Tourismus macht immerhin rund 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus.

„Erdbeben der Stärke 7“

Auch auf der indonesischen Urlauberinsel Bali gibt es Klagen von Hoteliers, dass sie durch die Insolvenz größere Summen Geld verloren haben. Schließungen oder Kündigungen wegen der Thomas-Cook-Pleite wurden bisher jedoch keine bekannt. Ähnlich ist es in Thailand: Auch dort bleiben Hotels auf Kosten sitzen. Manche versuchten, das Geld direkt von den Kunden zu bekommen und setzten die Gäste dabei recht massiv unter Druck, auch durch Drohungen mit der Polizei.

In Griechenland hieß es schon am Tag der Pleite, die Insolvenz von Thomas Cook sei für die Branche ein „Erdbeben der Stärke 7“, wobei man auf den Tsunami noch warte. Wie es im kommenden Jahr weitergehen könnte, vermag auch Hotelverbandschef Grigoris Tasios nicht zu sagen. Überlegungen stellen er und seine Kollegen natürlich dennoch an: „Wir haben Vertrauen in die deutschen Gäste und sie in uns - und wir werden uns weiterhin um gute Preise bemühen.“ Es sei nicht zwingend, dass die Preise im kommenden Jahr steigen, sagt Tasios. „Es kann auch sein, dass sie im Gegenteil auf Grund des Marktdrucks fallen.“. (APA, dpa)