Letztes Update am Mi, 30.10.2019 14:29

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kfz-Industrie

VW trotzt Autokrise, aber „das Beste der Party ist vorbei“

Die Zeichen für Abschwächung mehren sich. Die Auslieferungen werden heuer wohl stagnieren. Der Betriebsgewinn stieg im dritten Quartal um 67,5 Prozent und das Renditeziel für 2019 wurde bestätigt.

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Wolfsburg – Bei Volkswagen mischt sich immer mehr Skepsis in die Aussichten für die kommenden Jahre. Der ansonsten stabile deutsche Autokonzern steigerte den operativen Gewinn im dritten Quartal zwar um zwei Drittel auf 4,5 Milliarden Euro. Die Prognose für die Auslieferungen dämpfte das Management angesichts der weltweit flauen Autokonjunktur am Mittwoch allerdings.

Statt eines leichten Anstiegs sollen heuer etwa soviele Autos wie im Vorjahr verkauft werden. Man gehe davon aus, dass die Fahrzeugmärkte in vielen Regionen der Welt schneller als bis jetzt erwartet zurückgingen. „Das Beste der Party ist vorbei“, sagte Finanzvorstand Frank Witter mit Blick auf die Steigerungen in vorangegangenen Jahren.

„Weltweit robuste Verkaufszahlen

Im Gegensatz zu einigen Konkurrenten glänzte Volkswagen im Zeitraum von Juli bis September mit weltweit robusten Verkaufszahlen. Dank der neuen SUV-Modelle kletterten dabei auch die Preise. Dadurch schwoll der Konzernumsatz um 11 Prozent auf 61 Milliarden Euro an, während die Auslieferungen nur um ein Prozent auf 2,6 Millionen Einheiten zulegten. Das hohe Gewinnplus kam auch dadurch zustande, dass weniger Kosten für den Dieselskandal anfielen. Zudem sorgte die Neubewertung von Finanzinstrumenten dafür, dass der Gewinn stieg.

Für das laufende Jahr bekräftigte Witter das Ziel einer operativen Rendite vor Sondereffekten zwischen 6,5 und 7,5 Prozent. Es sei sogar möglich, dass das obere Ende dieser Spanne erreicht werde. Die Zeichen im Oktober seien jedenfalls ermutigend, sagte er während einer Telefonkonferenz. Nach neun Monaten lag die Rendite mit 7,9 Prozent bereits oberhalb des Zielkorridors. Zugleich gibt es aber Warnsignale. So seien die Auftragseingänge für schwere Lkw in Europa zuletzt im zweistelligen Prozentbereich geschrumpft, sagte Witter.

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Beeindruckende Finanzkraft

Der Finanzchef kündigte an, dass die neuesten Entwicklungen in die Budgetplanung einfließen würden. Es sei nicht ausgeschlossen, dass die mittelfristigen Ziele dann angepasst werden müssten. Dies sei Sache des Aufsichtsrats, der Mitte November zu seiner jährlichen Planungsrunde zusammenkommt. Bei der zurückliegenden Budgetplanung hatte sich Volkswagen auf Basis des Jahres 2016 für 2020 ein Umsatzplus von mehr als 25 Prozent vorgenommen und sich beim operativen Gewinn vor Sondereffekten sogar einen Zuwachs um mehr als 30 Prozent zugetraut. Das halten Experten inzwischen für ambitioniert.

Analysten waren vor allem von der Finanzkraft beeindruckt. Im Vergleich zu anderen Unternehmen aus der Autobranche, die ihren Ausblick wegen der schwachen Autokonjunktur eingestampft haben und Stellenstreichungen vorbereiten, strotze Volkswagen vor Kraft: Die Liquidität im Autogeschäft lag Ende September bei 19,8 Milliarden Euro. Der Barmittelzufluss überstieg mit 8,6 Milliarden Euro den Vorjahreswert um 5,1 Milliarden. „Volkswagen kann und muss jetzt in der Elektromobilität angreifen“, sagte Arndt Ellinghorst vom Investmentberater Evercore ISI. Ähnlich äußerte sich Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler: „Die Liquidität ist sehr gut, zumal die Dividende aus China noch nicht enthalten ist.“ Den anteiligen Gewinn aus seinen chinesischen Gemeinschaftsunternehmen verbucht Volkswagen zum Jahresende.

Stadtgeländewagen finanzieren Umstieg

Der Konzern ist nach Expertenmeinung vor allem deshalb so stark, weil die Kosten bei steigenden Stückzahlen sinken, da immer mehr Fahrzeuge wegen der modularen Bauweise gleiche Teile nutzen. Zugleich mobilisiert Volkswagen Kraftreserven, weil die einzelnen Marken ihre Produktivität steigern. Volkswagen konzentriert sich zudem stärker auf sein Kerngeschäft mit Autos und bereitet die Trennung von Randbereichen vor. Dadurch will man in der Lage sein, die Investitionen in neue E-Autos abzusichern und zugleich die Lasten des Dieselskandals zu stemmen. Finanziert wird der Umstieg ins Elektrozeitalter aus dem Geschäft mit herkömmlichen Verbrennern – vor allem durch Stadtgeländewagen, die einen immer größeren Anteil an den Zulassungszahlen haben.

Ertragsstützen waren in den ersten neun Monaten der Sport- und Geländewagenhersteller Porsche und die Tochter Skoda. Die Hauptmarke VW steigerte den Betriebsgewinn sogar um rund 40 Prozent auf 3,2 Milliarden Euro. Das lag neben einem gestiegenen SUV-Absatz auch daran, dass der Gewinn vor einem Jahr durch das Chaos bei der Umstellung auf das neue Abgasmessverfahren WLTP eingebrochen war. Sorgenkind ist die Tochter Audi, deren Gewinn wegen der laufenden Sanierung und Kosten für Neuanläufe um rund eine halbe Milliarde Euro sank. (APA, Reuters)