Letztes Update am Fr, 08.01.2016 07:34

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Hintergrund

Türkei 2016: Keine Entwarnung für Wirtschaft, Staatskassen leer

Neue Steuern und erdrückende Lebensmittelpreise trüben die Stimmung.

© dpa/Lars HalbauerIstanbul: Zunehmende Firmenpleiten und viele faule Kredite bei den Banken setzten dem lange boomenden Schwellenland zu.



Istanbul – Die anhaltende Liraschwäche, eine fast neunprozentige Inflation, Exportrückgänge und neue Spannungen mit den Nachbarländern haben die türkische Wirtschaft im Vorjahr ausgebremst. Eine Erholung für 2016 ist nicht in Sicht.

Für die Türken hat das Jahr 2016 mit neuen Steuern auf Alkohol, Zigaretten sowie teurerem Strom begonnen. Etwa drei Milliarden Lira (934,58 Mio. Euro) an zusätzlichen Steuereinnahmen erhofft sich die islamisch-konservative Regierung durch die höheren Preise auf Alkohol und Tabak.

Schmerzhafter als teurer Alkohol ist für die Bevölkerung aber die Strompreis-Erhöhung um 6,8 Prozent. Mit einer Jahresinflationsrate von 8,81 Prozent Ende Dezember und zweistelligen Preissprüngen bei Obst und Gemüse innerhalb eines Jahres sind viele der türkischen Verbraucher bereits an ihrem Limit angelangt.

Enorme Teuerung belastet die Bevölkerung

Die Preise für Lebensmittel stiegen für Niedrigverdiener im Vorjahr in astronomische Höhen. Wie das türkische Statistikamt (TUIK) Anfang Jänner bekannt gab, verteuerten sich allein Gemüse und Rindfleisch um mehr als 23 Prozent, Trinkwasser wurde um 11 Prozent teurer, Brot um 6,6 Prozent. Experten zufolge wird die Inflation durch die eingeführten Teuerungen weiter nach oben getrieben, und zwar um einen halben bis einen ganzen Prozentpunkt. Bei einem von der türkischen Zentralbank für 2016 festgelegten Inflationsziel von 5 Prozent ein schlechtes Zeichen.

Zur großen Überraschung vieler hat die Zentralbank am 22. Dezember jedoch keinen Zinsschritt nach oben vollzogen, was den Gerüchten um politische Einflussnahmen auf die Zinspolitik wieder neue Nahrung gab. Ali Babacan, die „Graue Eminenz“ in Wirtschaftsfragen in den vergangenen Jahren, ist nicht mehr in der aktuellen Regierung vertreten. Er galt als Garant für die Unabhängigkeit der Nationalbank und als Rückhalt für den Noch-Gouverneur Erdem Basci, der gegen die Interessen Recep Tayyip Erdogans eine straffe Währungspolitik zu verfolgen versucht.

30 Mrd. Doller Einnahmenrückgang bei Exporten

Der Verfall der Lira hat die Importe empfindlich verteuert und die Schuldenlast der Unternehmen und des Staates erhöht. Dennoch drängt Erdogan immer wieder auf niedrigere Zinsen, um den Geldfluss nicht abreißen zu lassen, auch wenn die Verschuldung der Haushalte und der Unternehmen bereits bedenkliche Ausmaße angenommen hat.

Die türkischen Ausfuhren sind zwar mengenmäßig leicht gestiegen, die Exporteinnahmen sind wertmäßig jedoch um 8,7 Prozent auf 143,7 Mrd. Dollar (133,8 Mrd. Euro) zurückgegangen, gab die Vereinigung der Exporteure (TIM) bekannt.

Der neue türkische Wirtschaftsminister im Amt, Mustafa Elitas, spricht von erlittenen Einbußen in Höhe von rund 30 Mrd. Dollar, die im vergangenen Jahr zu Buche geschlagen hätten. Davon seien fast 13 Mrd. Dollar auf Wechselkursschwankungen zurückzuführen und 6 Mrd. Dollar auf Verluste in Folge der „geopolitischen Eskalationen“.

Europa ist Hauptfinanzier des Lands

Nach Zahlen des türkischen Statistikamts TUIK betrugen die Ausfuhren ein Jahr zuvor, im Jahr 2014, noch 157,6 Mrd. Dollar. Der Hauptanteil der türkischen Exporte ging mit einem Anteil von 46,4 Prozent und einem Wert von 62 Mrd. Dollar in die Europäische Union. Laut Berechnungen der türkischen Zentralbank sind die Europäer nicht nur die Hauptabnehmer für türkische Waren, sondern auch die Hauptfinanziers des Landes.

56 Prozent der langfristigen Kredite im privaten Sektor in Höhe von 188 Mrd. Dollar (Stand Ende Oktober 2015) stammten aus Europa, rechnet der Ökonom Mustafa Sönmez in einer Analyse für „Hürriyet Daily News“ vor. Der öffentliche Sektor wird zu einem nicht unbeträchtlichen Teil mit europäischem Geld versorgt, etwa durch Finanzinstitute wie der Europäischen Entwicklungsbank (EBRD). Auch bei den Direktinvestitionen liege das Schwergewicht bei den Europäern, so Sönmez. Insgesamt beträgt die türkische Auslandsverschuldung satte 405 Mrd. Dollar.

Der internationale Währungsfonds rechnet für 2016 laut der Nachrichtenagentur Reuters mit einem Leistungsbilanzdefizit in Höhe von 4,5 Prozent des türkischen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Hinzu kommt geschätztes Wirtschaftswachstum von drei Prozent bei einer Arbeitslosenrate von rund zehn Prozent.

Die zunehmend autoritäre Staatsführung Erdogans und der Mangel an „good governance“ haben bereits im vergangenen Jahr zu einer Kapitalflucht geführt. Der neu aufgeflammte Bürgerkrieg in den Kurdengebieten im Südosten und eine offen zur Schau getragene Klientelpolitik trägt nicht dazu bei, das Investorenvertrauen im Jahr 2016 zurückzugewinnen. (APA)