Letztes Update am Mi, 13.04.2016 15:55

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Freihandelsabkommen

TTIP würde in der Landwirtschaft hunderte Arbeitsplätze kosten

Die Studie von IHS und ÖFSE sieht vor allem Landwirtschaft und Nahrungsmittelsektor durch das Freihandelsabkommen zwischen EU und USA bedroht.

© APA/HERBERT PFARRHOFERDie Studie wurde von Spar, Bio Austria, NÖM und Greenpeace in Auftrag gegeben.



Wien/Innsbruck – Das US-europäische Freihandelsabkommen TTIP würde sich in Summe negativ auf den heimischen Arbeitsmarkt auswirken. Zu den stärksten Verlusten käme es in der Landwirtschaft und im Nahrungsmittelsektor. So lautet das Ergebnis einer Studie zu den möglichen Beschäftigungseffekten von TTIP in Österreich. Die vom Institut für Höhere Studien (IHS) und der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE) durchgeführte Studie wurde am Mittwoch in Wien präsentiert.

Studie baut auf zwei Szenarien auf

Die Studie geht von zwei möglichen Ergebnissen der TTIP-Verhandlungen aus: ein kurzfristiges Szenario über fünf bis zehn Jahre würde die schnelle Abschaffung von Schutzzöllen vorsehen, während sensible Produkte wie Fleisch und Milch noch ein Viertel ihres Schutzes behalten würden. Ein langfristiges Szenario über 15 bis 20 Jahre hingegen geht von einer tiefgreifenden Integration aus, die auf der kompletten Abschaffung aller Zölle aufbaut. Insgesamt würde der Landwirtschafts- und Nahrungsmittelsektor demnach im kurzfristigen Szenario etwa 730 Arbeitsplätze einbüßen, 100 davon wären direkt auf TTIP zurückzuführen. Langfristig, über einen Zeitraum von 15 bis 20 Jahren, würden etwa 4.670 Jobs verloren gehen, 670 davon würden auf den durch TTIP verursachten Strukturwandel zurückgehen.

Zusammenfassung der Studie

Ein Kurzfassung der Studie gibt es hier als Download: http://bit.ly/23tMW9n

Die Studie beruht auf Schätzungen auf der Grundlage möglicher Ergebnisse der noch laufenden Verhandlungen. Weiters wurde davon ausgegangen, dass der ohnehin bereits laufende Rückgang der Beschäftigung in der Landwirtschaft stabil bleibt.

In Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion sind laut der Studie auch leichte Einbußen bei der Wertschöpfung zu erwarten; kurzfristig knapp 17 Mio. Euro, über 15 bis 20 Jahre etwas mehr als 100 Mio. Euro. Zurückzuführen sind diese nicht zuletzt auf die sich verschlechternde Handelsbilanz. Durch fallende Schutzzölle würden vor allem die Importe aus den USA steigen, während die Exporte über den Atlantik geringer werden dürften. Für die Gesamtwirtschaft Österreichs würde sich durch TTIP hingegen zumindest langfristig ein leichter Zuwachs der Wertschöpfung einstellen. Die Studie stellt ein Plus von 360 Mio. Euro – 0,1 Prozent des BIP – in Aussicht.

590 Bauernhöfe weniger bis 2025

Bis 2025 rechnet das IHS in der Studie mit dem Marktaustritt von etwa 590 „relativ kleineren Landwirtschaftsbetrieben“ und etwa 30 Nahrungsmittelunternehmen. In Auftrag gegeben wurde die Studie von Spar, Bio Austria, NÖM und Greenpeace.

„Die Studie beweist, was wir seit langem versuchen aufzuzeigen: Der Feinkostladen Österreich ist tatsächlich bedroht“, kommentiert Gerhard Drexel, Vorstandsvorsitzender von Spar, die Ergebnisse. Als Beispiel nennt Drexel das AMA-Gütesiegel-Fleisch: Die Studie belege, dass eine Marktöffnung im Rindfleischsektor die Importe aus den USA exorbitant ansteigen lassen würden. „Alleine der billige Preis wird das alles entscheidende Kriterium bei dieser Marktöffnung sein. Das können auf Dauer unsere Qualitätslandwirte nicht mitmachen“, warnt der Spar-Chef. Es entstehe eine negative Preisspirale nach unten, das sogenannte „race to the bottom“. Preis und Qualität würden nach unten gehen, österreichische Qualitätsfleischprodukte und ihre Produzenten aussterben – so belege es nun eindeutig die Studie.

„Faktor Qualität kein ausreichender Schutz“

Auch Gertraud Grabmann, Obfrau von Bio Austria, sieht ihre Kritik an TTIP durch die Studie bestätigt. Zunehmende Konkurrenz mit Dumpingprodukten würde auch Bio-Bauern unter Preisdruck bringen. Denn ein steigender Preisunterschied zwischen importierten Billigprodukten und Qualitätsprodukten würde die Kaufentscheidung maßgeblich beeinflussen. „Der Faktor Qualität stellt daher – anders als oftmals argumentiert – keinesfalls einen ausreichenden Schutz vor den negativen Folgen durch TTIP dar. Zudem besteht das Risiko, dass TTIP durch eine Verwässerung der Umwelt- und Konsumentenschutz-Standards die Rahmenbedingungen für ökologische und nachhaltige Landwirtschaft massiv verschlechtert“, so Grabmann.

„Durch TTIP wird der mit niedrigeren ökologischen Standards produzierenden US-Wirtschaft Tür und Tor geöffnet“, konstatiert Alexander Egit, Geschäftsführer von Greenpeace Österreich. Egit forderte Landwirtschaftsminister Rupprechter dazu auf, einen Regierungsbeschluss herbeizuführen, dass Österreich für eine sofortige Ausklammerung aller landwirtschaftlichen Bereiche aus den TTIP-Verhandlungen eintritt. „Es ist inakzeptabel, dass der Minister immer noch glaubt, es gelte, Verhandlungsergebnisse abzuwarten. Bei TTIP gibt es für die Bauern und für die Umwelt nichts zu gewinnen, aber alles zu verlieren“, sagt Egit. (luk)