Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 28.10.2016


TT-Interview

„Geldflut vermehrt faule Kredite und bildet Blasen“

Der deutsche Ökonom Stefan Kooths hat im TT-Interview keine Probleme mit CETA und TTIP. Für ihn bremsen große Koalitionen Reformen.

© APA (Archiv/dpa)Symbolfoto.



In Österreich stottert der Konjunkturmotor. Woran hapert es?

Stefan Kooths:: Ich sehe hier weniger konjunkturelle Phänomene, sondern eher strukturelle. Eine große Koalition tut sich in der Regel immer schwerer, wirkliche Deregulierung durchzusetzen. Kleine Koalitionen sind typischerweise fokussierter. Große Koalitionen müssen sozusagen immer im großen Gemeinschaftskonsens agieren und das führt sehr oft dazu, dass man eher im Stillstand verharrt. Österreich und Deutschland sind sich da ähnlich.

Wie stehen Sie zu den Freihandelsabkommen CETA und TTIP?

Kooths: Wer kein Problem mit dem Freihandel mit Frankreich hat, der sollte eigentlich auch kein Problem mit Kanada (CETA) haben. Die EU und insbesondere Deutschland und Österreich verdanken ihren Wohlstand dem Freihandel. Und der hört nicht an den EU-Außengrenzen auf. Auch die kanadische Regierung möchte ihre Konsumenten schützen und nicht irgendwelchen Gefahren aussetzen. Beim Handelspakt mit den USA (TTIP) ist wahrscheinlich ein gewisser Antiamerikanismus dabei. Die EU hat vor einigen Jahren ein Abkommen mit Südkorea abgeschlossen. Darüber wurde überhaupt nicht kontrovers diskutiert.

Die EZB pumpt nun seit einiger Zeit billiges Geld in den Markt. Die Konjunktur springt aber nicht an. Welche Folgen hat die expansive Geldpolitik?

Kooths: Die Wirksamkeit der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) ist deshalb so schwach, weil in den Bankbilanzen immer noch Problemkredite aus der Finanzkrise stecken. Und durch die lange Phase der Mini-Zinsen entstehen sogar neue Problemkredite bzw. der Abbau der alten Kredite wird verlangsamt. Das verstopft den Kreditkanal für Unternehmen.

Das kann ja nicht das Ziel der EZB sein ...

Kooths: Eigentlich möchte die EZB damit die Konsolidierung der Staatsfinanzen erleichtern und den Reformprozess flankieren. Beides gelingt aber gerade nicht. Das einzige Land im Euroraum, das nennenswert konsolidiert, ist Deutschland. In allen anderen Ländern steigen die Schuldenstände eher. Die Finanzminister reagieren auf die EZB-Politik ganz anders, als die Notenbanker beabsichtigen. Sie zahlen fast nichts mehr für neue Schulden, zum Teil verdienen sie sogar daran. Das verlangsamt den Konsolidierungsprozess.

Von daher sind die positiven Wirkungen der Geldpolitik längst ausgelaufen. Und mit jedem Monat kommen eher höhere Risiken dazu. Das spricht für einen behutsamen Umschwenk in der Geldpolitik.

Führt die Geldflut der EZB zur Blasenbildung?

Kooths: Das ist längst eingetreten. Man sieht das besonders plakativ an bestimmten Immobilienmärkten. Insbesondere in Deutschland, wo sie erhebliche Preissteigerungsraten haben und das jetzt schon über Jahre hinaus. Wir sehen aber auch eine verhinderte Bereinigung. Die Firmeninsolvenzen sind derzeit ausgesprochen gering. Weil sich eben auch die Unternehmen dank der niedrigen Zinsen viel länger über Wasser halten können, als sie es unter normalen Bedingungen könnten.

Das Gespräch führte Serdar Sahin