Letztes Update am Do, 05.01.2017 14:48

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Hintergrund

Detroit und der Rostgürtel: Mit ,,Old Economy“ zu altem Glanz?

Die ganze Automobilwelt blickt ab dem 8. Januar wieder nach Detroit im US-Bundesstaat Michigan. Dort findet die traditionsreiche “Detroit Auto Show“ statt. In diesem Jahr steht die Messe vor allem unter dem Zeichen der schwächelnden amerikanischen Autoindustrie und den Versprechen des designierten US-Präsidenten Trump, diese negativen Entwicklungen zu stoppen.

Experten bezweifeln, dass Donald Trumps geplante Politik zur Stärkung der Wirtschaft in Detroit und Umgebung Früchte tragen wird.

© VernonExperten bezweifeln, dass Donald Trumps geplante Politik zur Stärkung der Wirtschaft in Detroit und Umgebung Früchte tragen wird.



Detroit/Innsbruck - "Detroit was once the economic envy of the world", hat Donald Trump am 8. August vergangenen Jahres bei einer Wahlveranstaltung gesagt - an eben jenem Ort wo in wenigen Tagen die "Detroid Auto Show" starten wird. Die ganze Welt sei früher neidisch auf die florierende Detroiter Wirtschaft gewesen. Er, Trump, wolle diesen Status wieder herstellen; durch eine, wie er es nennt, "America first"-Politik.

Und er traft damit bei den Menschen in Detroid, in ganz Michigan und den umliegenden Regionen einen Nerv. Bei den Wahlen im November sicherte sich der Republikaner in dem traditionell von den Demokraten dominierten Bundesstaat die Mehrheit; und ebnete damit, wie Experten immer wieder betonten, den Weg zur amerikanischen Präsidentschaft. Die Menschen in und um Detroid fühlen sich schon länger benachteiligt. Von der Regierung, die ihrer Ansicht nach zu wenig für ein erneutes Wirtschaftswachstum tut, und von der Industrie, die wegen billigerer Löhne und Produktionskosten in andere Länder abwandert.

Rückbesinnung auf "Old Economy" soll den "Rostgürtel" stärken

Der Landstrich in Amerikas Nordosten, zu dem auch die Bundesstaaten Pennsylvania, Ohio und Wisconsin gezählt werden, wird wenig schmeichelhaft auch "Rust Belt", zu Deutsch "Rostgürtel", genannt. Diese Bezeichnung ist eine Anlehnung an den Niedergang der Auto- und Stahlindustrie, die in der Region um die Großen Seen ein Groß der Wirtschaftsleistung ausmacht. Bereits seit den 1970er-Jahren ist die Produktion rückläufig, "rostet" sozusagen.

Trumps Versprechen für die Metropole und die umliegenden Industrieregionen, die als große Verlierer der Globalisierung und Digitalisierung gelten: Eine konsequente Rückbesinnung auf Amerikas „Old Economy", die Detroit zu einem fulminanten Comeback verhelfen soll. Doch Experten zweifeln, ob Trumps Politik wirklich ein Segen für die Autoindustrie ist. „Trump könnte protektionistischer und auch weniger ökologisch werden", sagt Branchenkenner Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler gegenüber der Deutschen Presse Agentur. Insgesamt scheine Trump eher eine Bedrohung für die Industrie zu sein. Entsprechend herrscht in der Branche zum Auftakt des neuen Autojahrs vor allem eins: Unsicherheit.

Der Freihandel: Ein Dorn in Trumps Auge

Vor allem der Freihandel, der Trumps Augen die Abwanderung von Unternehmen begünstigt, ist dem Immobilientycoon ein Dorn im Auge. Bereits im Wahlkampf hat er keinen Hehl daraus gemacht, was er davon hält - nämlich nichts. Im Fokus steht dabei Mexiko. Fast alle großen Autohersteller haben in den vergangenen Jahren Fabriken südlich der Vereinigen Staaten hochgezogen. Das nordamerikanische Handelsabkommen Nafta sorgt für ungehinderten Warenverkehr zwischen den USA, Kanada und Mexiko.

Trump hat angekündigt, den Pakt zugunsten der USA neu zu verhandeln oder gar aufzukündigen. Für die mit dem Verlust zahlreicher US-Jobs einhergegangene Deindustrialisierung in Michigan und anderen US-Arbeiterstaaten ist Nafta ein willkommener Sündenbock. Bei seiner Rede in Detroit schimpfte Trump, vor dem Freihandelsabkommen hätten 285.000 Beschäftigte in der Autoindustrie in der „Motor City" gearbeitet - heute seien es nur noch 160.000.

Trump zieht gegen US-Konzerne zu Felde

Für die Auslagerung von Stellen ins Niedriglohn-Nachbarland Mexiko, durch die viele Autobauer ihre Kosten senken, attackiert Trump US-Konzerne hart. Selbst der US-Marktführer bleibt nicht verschont: „General Motors schickt in Mexiko gefertigte Modelle des Chevy Cruze steuerfrei über die Grenze zu US-Händlern. Produziert in den USA oder zahlt hohe Einfuhrsteuern!", polterte Trump jüngst via Twitter.

GM-Rivale Ford kündigte kurz darauf nach andauernder Kritik des „president-elect" an, eine 1,6 Mrd. Dollar (1,53 Mrd. Euro) schwere Investition in ein neues Werk in Mexiko abzublasen. Trump kommentierte diese Entscheidung promt via Twitter: "Danke Ford, dass ihr das geplante Werk in Mexiko abblast und 700 neue Jobs in den USA schaffen werdet." Und weiter: "Das ist nur der Anfang , vieles mehr wird folgen."


Weiterer Niedergang zeichnet sich ab

Doch würden Handelsschranken im Nafta-Raum wieder aufgebaut, könnte dies massive Folgen haben. Trump droht, den Zulieferkreislauf der Autoindustrie, die viele Teile und ganze Fahrzeuge aus Billiglohnländern importiert, durch Strafzölle von bis zu 35 Prozent zu zerschlagen. Das würde dem US-Automarkt, der in diesem Jahr ohnehin nicht viel Wachstum zu erwarten hat, wenig bringen. Im Gegenteil: Die Zeichen stehen nach einem von billigem Sprit und günstigen Finanzierungszinsen befeuerten Absatzboom zunehmend auf Abkühlung.

Zwar übertrafen die Hersteller 2016 mit über 17,5 Mio. verkauften Neuwagen die historische Bestmarke aus dem Vorjahr noch einmal leicht. Doch zuletzt musste schon verstärkt mit Rabatten und Sonderangeboten nachgeholfen werden, um die US-Kunden weiter in die Autohäuser zu locken. Ein weiterer Verkaufsrekord im neuen Jahr scheint somit unwahrscheinlich: Der US-Autohändlerverband schätzt den Absatz 2017 auf nur noch 17,1 Mio. Fahrzeuge. (TT.com/APA/dpa)


Zahlen, Daten, Fakten zur Detroid Auto Show:


Die Messe

Die "North American International Auto Show" (NAIAS) ist die größte Automobilmesse der USA und eine der größten der Welt.

Sie findet traditionell in der zweiten und dritten Jänner-Woche in Detroid im US-Bundesstaat Michigan statt und wird deshalb auch "Detroid Auto Show" genannt. Veranstaltungsort ist das "Cobo Center", wo auf rund 55.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche die neuesten Innovationen aus der Branche präsentieren. An den Besuchertagen strömen jährlich in etwa 800.000 Menschen in die Hallen.

Erstmals ausgetragen wurde die Autoschau im Jahr 1907. Ab den späten 50er- und vor allem in den frühen 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts mauserte sich die "Detroid Auto Show" zu einer der wichtigsten und relevantesten Automobilmessen des Globusses.

"Detroid Auto Show 2017"

In diesem Jahr öffnet die "North American Auto Show" in Detroid am 8. Januar ihre Tore. Zu Beginn nur für Presse und Händler, ab dem 14. Januar bis zum Ende der Messe am 22. Januar kann sie auch von Privatpersonen besucht werden.

Das Highlight der heurigen Ausstellung dürfte mitunter die Präsentation des neuen 5er-BMW sein, mit dem der bayrische Hersteller den Generationenwechsel bei den Modellen der oberen Mittelklasse einleiten will. Auch VW, Mercedes und Toyota warten mit der Vorstellung von neuen, für den US-Markt wichtigen, Modellen auf.