Letztes Update am Do, 02.11.2017 15:09

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Leitl-Nachfolge

Harald Mahrer: Mit jugendlichem Image Richtung WKÖ-Chefsessel

Harald Mahrer wird Christoph Leitl als Chef des Wirtschaftsbundes – und in absehbarer Zeit wohl auch der Wirtschaftskammer – ablösen. Der 44-Jährige versucht ein betont jugendliches Image zu pflegen und pocht auch in der Politik auf Modernität.

© APAHarald Mahrer während seiner Präsentation als künftiger ÖVP-Wirtschaftsbundchef durch WK-Präsident Christoph Leitl am Donnerstag.



Von Philip Stotter/APA

Wien/Spittal - Modern, hip, mit neuen Medien vertraut: So stellt sich Wirtschaftsminister Harald Mahrer (ÖVP) stets gerne dar. Nun ist er designierter Chef des ÖVP-Wirtschaftsbundes und will damit wohl auch den Weg in den Chefsessel der Wirtschaftskammer einschlagen - auch wenn das bei einem Pressetermin zur Präsentation des künftigen Chefs des ÖVP-Bundes am Donnerstag nicht als fix kommuniziert wurde.

„Ich komme aus der Wirtschaft“, dürfte einer der häufigsten (Neben-)Sätze des 44 Jahre alten Politikers sein, der in Wien und im Oberkärntner Spittal lebt. Das Politische studierte Mahrer früh, nämlich schon an der Uni, wo er es auf der Wiener Wirtschaftsuniversität bis zum Vorsitzenden der dortigen Hochschülerschaft brachte. In der ÖVP strebte er immer wieder höhere Weihen an, lange reichte es aber nicht zu mehr als zum Leiter der Julius Raab-Stiftung.

Eigen-PR via Facebook

Früher war Mahrer unter anderem als Unternehmensberater und im PR-Geschäft tätig. Kritiker werfen ihm vor, dass die Agentur Pleon Publico, als er deren geschäftsführender Gesellschafter war, PR-Aufträge der Kärntner Hypo-Skandalbank ausführte, die auch den mittlerweile inhaftierten früheren Vorstandsvorsitzenden Wolfgang Kulterer gut darstellen sollten. Er persönlich habe nie für Kulterer gearbeitet, ließ Mahrer dazu immer ausrichten.

Als Eigen-PR beherrscht es Mahrer, ein jugendliches Image zu pflegen. In sozialen Medien ist er gerne aktiv. Seine selbst ausgewählten Lieblingsfotos auf Facebook zeigen ihn unter anderem lässig vor einer Grafitti-Wand mit einem T-Shirt mit der Aufschrift „Don‘t Dream - Take Action“, ganz nobel mit dem Schauspieler Tom Cruise oder gemeinsam mit den nunmehrigen türkisen Parteigranden Elisabeth Köstinger, dem alten Vertrauten Gernot Blümel und ÖVP-Chef Sebastian Kurz. Die größte Öffentlichkeit bekam sein „High Five“ mit der damaligen Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ), als man sich auf die Grundzüge einer Bildungsreform geeinigt hatte.

„No sleep till Gründerland No.1“

Mahrer darf nicht nur als wirtschaftsliberal eingeschätzt werden, sondern auch als gesellschaftsliberal - vor allem für eine konservative Partei wie die ÖVP. Kritiker werfen dem designierten ÖVP-Wirtschaftsbundchef das Produzieren allzu vieler „Luftblasen“ und „Überschriften“ vor. Wohlgesonnene hingegen sprechen von einem ehrgeizigen Politiker und Strategen, der sich nicht zu schade ist, auch einmal selbst Hand anzulegen und Strategiepapiere selbst (fertig) zu schreiben. Manchmal kann er auch einmal lauter gegenüber Dienstnehmern werden. Schlaf braucht er angeblich wenig.

Ein politisches Fallbeispiel, das Mahrers Intentionen gut beschreibt, ist ein Förderprogramm namens „Global Incubator Network“ (GIN), das er als Staatssekretär im Wirtschaftsministerium organisierte. Es ist mit vier Millionen Euro dotiert und soll Start-ups nach Österreich locken. „Es geht um Innovation mit Fokus auf Start-ups und Spin-offs“, sagte Mahrer, als er das Programm in Hongkong vor Investoren vorstellte und von Österreich als „the place to be“ („Platz, an dem man sein sollte“) sprach.

„No sleep till Gründerland No.1“, ließ sich der promovierte Wirtschaftswissenschafter im Rahmen dieser Hongkong-Reise als Staatssekretär vor rund zwei Jahren auf T-Shirts drucken. Wohl, um sein Ziel von einem Österreich als Topnation für Unternehmensgründungen zu verdeutlichen. Bei dem Spruch handelt es sich auch um eine Anspielung auf einen Song der US-Kultband Beastie Boys. Die innovative Band, die öfters ihren Stil änderte aber praktisch stets erfolgreich blieb, dürfte zu dem Ziel eines innovativen Standorts Österreich passen, den sich Mahrer wünscht - und passt auch zu dem vielgepflegten jugendlichen Image.

Für eine Erneuerung des Arbeitsrechts

Er steht für den jungen Teil der ÖVP, der auf Modernität und Selbstverantwortung pocht. Verhandlungen zu Erneuerungen im Arbeitsrecht und zur Arbeitszeitflexibilität seien wegen SPÖ, Arbeiterkammer und Gewerkschaft „schwierig“, sagte Mahrer heuer einmal. Das Arbeitsrecht stamme aus den 1960er/70er-Jahren und müsse erneuert werden. „Erwerbsfreiheit ist ein Menschenrecht“, sagte er im Sinne von mehr Freiheiten für Einpersonenunternehmen (EPU). Wie er als Nachfolger des Leib-und-Seelen-Sozialpartners Christoph Leitl fungiert, wenn er den Chefsessel in der Wirtschaftskammer (WKÖ) einnehmen sollte, bleibt abzuwarten. Das können Leitl und Mahrer auch bilateral fixieren, formal ist dann nur noch - auf Antrag des WB als stärkster Fraktion - ein Beschluss des Wirtschaftsparlaments der WKÖ nötig.

In der ÖVP war Mahrer auch als „Spiegel“ der jeweiligen Bildungsministerin tätig. Ihm eilte dabei der Ruf voraus, pragmatisch und offen an das Bildungsthema heranzugehen. Die sonst mit der SPÖ vorprogrammierten Grabenkämpfe ließ er dabei weitgehend aus. Noch mit Heinisch-Hosek vereinbarte er die Grundzüge der Bildungsreform - inklusive High-Five für die „fast geile“ Reform nach Verhandlungsende. Die Vollendung des größten Teiles der Reform fiel dann bereits in Mahrers Zeit als Wissenschaftsminister: Nach langem Tauziehen mit Heinisch-Hosek-Nachfolgerin Sonja Hammerschmid, der Lehrergewerkschaft und den Grünen, deren Zustimmung für Teile der umfassenden Schulautonomieregelungen notwendig war, wurde das Paket im Juni doch noch beschlossen.

Gleich zu Beginn seiner Tätigkeit als Wissenschaftsminister konnte sich Mahrer im Mai über die Entscheidung der EU-Kommission freuen, wonach Österreich seine Quotenregelung für das Studium der Humanmedizin behalten kann. Weniger erfreut war er hingegen, als die SPÖ gemeinsam mit FPÖ, Grünen und NEOS Ende Juni im Nationalrat für eine deutliche Anhebung des Uni-Budgets stimmte. Eine reine Finanzzusage führe nicht zu einer Qualitätsverbesserung an den Universitäten, so Mahrer, der im Zuge der Budget-Erhöhung nämlich auch die Umstellung auf eine Studienplatzfinanzierung vollziehen wollte, an deren Eckpunkten lange gefeilt wurde. Anfang August schickte Mahrer dann den Gesetzesentwurf in Begutachtung, in dem die Art der Verteilung der Bundesmittel geändert und gleichzeitig neue Möglichkeiten zur Beschränkung des Zugangs vorgesehen waren. Wie es mit den Plänen weitergeht, ist derzeit offen.

Privat geht er gerne auf die Jagd

Mahrer, der zuletzt privat etwa ein Konzert des Schmuserockers James Blunt in Wien besuchte, ist laut Firmencompass derzeit Alleingesellschafter bei der HM Tauern Holding Beteiligungsgesellschaft m. b. H. mit Sitz in Spittal. Geschäftsführerin ist Mahrers Gattin. Sie, Andrea Samonigg-Mahrer, ist zudem nicht nur Chefin des allgemeinen öffentlichen Krankenhauses in der Bezirksstadt, sondern auch Vereinspräsidentin der dortigen Komödienspiele Porcia. Gerne schaut sich ihr Mann dort auch das eine oder andere Stück an.

Privat geht Mahrer, geboren am 27. März 1973 in Wien, auch gerne auf die Jagd oder schwimmt - unter anderem im Millstätter See bei Spittal. Für die ÖVP war er vor dem Ministerjob schon Staatssekretär. Vorher war Mahrer auch Leiter der ÖVP-nahen Julius Raab Stiftung. Er war auch Herausgeber der Publikation „Die Volkspartei REvolution“. (APA)