Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 05.02.2018


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Zukunftsforscher im Interview: „Neue Technologien klug einsetzen“

Zukunftsforscher Harry Gatterer verknüpft Trends und unternehmerische Entscheidungen. Er rät, der Digitalisierung mit Bedacht zu begegnen.

© Getty Images/iStockphotoEin Gespräch mit einem Computer statt mit einem Mitarbeiter eignet sich nicht für die Kunden jedes Unternehmens.Foto: iStock



„Zukunftsfit" ist ein beliebtes Schlagwort. Will nicht jeder Unternehmer „zukunftsfit" sein?

Harry Gatterer: Sobald ein Unternehmer sich überlegt, die heutige sich ständig verändernde Welt verstehen zu wollen, will er sich und sein Unternehmen schon verändern.

Heutzutage gibt es — gefühlt — entweder Start-ups mit innovativen Ideen oder Traditionsbetriebe, die ein Handwerk in dieser schnelllebigen Welt erhalten wollen. Welches wird „überleben"?

Gatterer: Das sind zwei unterschiedliche Herangehensweisen. Das junge Start-up verfolgt eine Vision. Der Traditionsbetrieb handelt schon lange nach bestimmten Abläufen. Beiden Fällen ist aber eines gemeinsam: Es ist noch sehr vieles möglich. Egal, welches Unternehmen, es gilt die Frage zu klären: Was drängt? Was müssen wir lösen? Wo liegt unser Gestaltungsraum?

Jedes Unternehmen hat seine eigenen Fragen an die Zukunft. Gibt es aber auch allgemeingültige Fragen, die für alle Unternehmen gelten?

Gatterer: Besonders auffallend ist, dass der Umgang mit der Zukunft in Unternehmen kaum Raum hat. Im Kopf tun sich aber relativ schnell Bilder auf. Derzeit liegen die Begriffe „Digitalisierung", „Automatisierung" oder „Künstliche Intelligenz" im Trend. Von vielen Unternehmen wird dann in dieser Richtung etwas gemacht, ohne großartig darüber nachzudenken.

Unternehmen sollten also nicht „schnell-schnell" eine Entscheidung treffen?

Gatterer: Oft gibt es in Unternehmen im Moment einen Engpass. Trotzdem ist es wichtig, sich Raum für die Beantwortung von Fragen zu nehmen. Es geht oft nicht nur um Geschwindigkeit, nicht nur um Oberfläche, sondern auch um Tiefe.

Ist das Thema „Digitalisierung" also derzeit gar nicht so wichtig?

Gatterer: Auch beim derzeit überall forcierten Thema „Digitalisierung" sollte erst überlegt werden: Was braucht das Unternehmen wirklich? Welche Digitalisierungstools helfen uns wirklich? Etwa Chatbots (Anmerkung: automatische Kommunikation mit Kunden). Braucht es diese wirklich?

Woher weiß man, ob man etwa Chatbots braucht?

Gatterer: Ein Unternehmen sollte sich die Frage stellen, ob mit Chatbots tatsächlich Kundenbindung aufgebaut werden kann. Bringt mir ein Chatbot mehr oder weniger Kundenbindung? Diese Fragen werden aber häufig gar nicht gestellt. Chatbots werden einfach eingerichtet.

Was raten Sie also Unternehmen?

Gatterer: Nachzudenken und neue Technologien nicht zu verdammen, aber auch sie klug einzusetzen. Eine Tankstellenkette sollte sich in einer Zukunft mit Automatisierung, Elektro-Mobilität und Carsharing nicht die Frage stellen, ob es Tankstellen noch braucht. Eine bessere Frage wäre: Wie kann ich Kunden noch besser an mein Unternehmen binden? Die Verlockungen der Digitalisierung sind groß. Alles wird durch die Automatisierung günstiger. Damit ist vielleicht die Wertschöpfung kurzfristig größer, aber langfristig könnte sich zu viel Automatisierung negativ auswirken. Der Mensch ist nun einmal sozial.

Das Gespräch führte Verena Langegger


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