Letztes Update am Fr, 13.04.2018 17:02

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Atomkraft

Belgisches AKW Tihange 2 verletzt Sicherheitsmaßstäbe

Ein Experten-Netzwerk ortet eine Verletzung internationaler Sicherheitsmaßstäbe. Laut Betreiber werden sämtliche Anforderungen der Kontrollbehörden erfüllt.

© AFPDer belgische Atomreaktor Doel 3.



Aachen, Brüssel – Das umstrittene belgische Kernkraftwerk Tihange 2 nahe der deutschen Grenze verletzt nach Einschätzung eines Experten-Netzwerks international anerkannte Sicherheitsmaßstäbe. Der Reaktor mit Tausenden Rissen müsse nach dem jetzigen Stand der Erkenntnisse vorerst stillgelegt werden, heißt es in einer Erklärung, die das Netzwerk Inrag bei seiner Fachtagung am Samstag in Aachen verabschieden will.

Der Betreiber Electrabel widersprach: „Die drei Reaktorblöcke von Tihange werden vollkommen sicher betrieben und erfüllen sämtliche Sicherheitsanforderungen der Kontrollbehörden“. Nach Auffassung der Netzwerk-Experten ist die Herkunft der Risse im Reaktordruckbehälter nicht mit ausreichender Sicherheit geklärt, wie sie am Freitag in Aachen erklärten. „Das Teil hätte nie eingebaut werden dürfen“, sagte Professor Wolfgang Renneberg, früher Leiter der Abteilung für Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium.

„Prinzipien wurden verletzt“

„Ein Reaktorbehälter darf nicht kaputtgehen. Wenn er kaputtgeht, gibt es keine Sicherheitssysteme, die das auffangen“, sagte Renneberg. Darum werde die ganze Sicherheit in die Qualität des Stahls und des Materials gesteckt. „Jetzt hat man den absoluten Sonderfall, dass hier bei einem Reaktordruckbehälter diese Prinzipien offensichtlich verletzt worden sind.“

Betreiber Electrabel betont dagegen, dass die Wiederinbetriebnahme von Tihange 2 und dem zweiten Riss-Reaktor Doel 3 bei Antwerpen nach einer besonders umfangreichen wissenschaftlichen Analyse durch Dutzende von unabhängigen nationalen und internationalen Experten genehmigt worden sei. Tihange 2 war nach Entdeckung der Risse 2014 wegen Sicherheitsbedenken abgeschaltet worden, ging aber 2015 wieder ans Netz.

Auch die deutschen Bundesregierung hatte Zweifel an der Sicherheit in einem möglichen Störfall. Sie hatte Belgien deshalb gebeten, Tihange 2 vorerst vom Netz zu nehmen. Die belgische Atomaufsicht sah aber bisher keinen Grund dafür. (APA/dpa)