Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 31.08.2018


Wirtschaftspolitik

Fachkräfte durch spezielle Rot-Weiß-Rot-Card

Den Fachkräftemangel soll eine regionalisierte Rot-Weiß-Rot-Card mildern, sagte Bundeskanzler Kurz bei einem Besuch in Singapur.

© BUNDESKANZLERAMTZwischen Arbeitsgesprächen besichtigt Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) in Singapur den Botanischen Garten. Foto: APA/Tatic



Von Stefan Eckerieder

Singapur – „Wir wollen die Erfolgsrezepte kopieren“, erklärten die Regierungsmitglieder, die sich auf die viertägige Reise nach Singapur und Hongkong gemacht haben. Vor allem im Bildungsbereich und bei der Digitalisierung gilt Singapur, die erste Station, als Vorreiterland. Singapur sei ein „kleiner, sicherer, sauberer Staat mit einer beeindruckenden Entwicklung“, zeigte sich Bundeskanzler Sebastian Kurz vom Stadtstaat beeindruckt.

Noch vor wenigen Jahren versuchte sich Europa davor zu schützen, von Asien kopiert zu werden, mittlerweile befindet sich der Kontinent aber auf der Überholspur. Die Dynamik Asiens bringe alle anderen Regionen unter Druck: China habe bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung die EU überholt, warnte Wirtschaftskammerpräsident Harald Mahrer. Österreic­h hinke vor allem in zukunftsweisenden Themen wie Innovation, Risikokapital und Unternehmergeist hinterher. Dabei sei Innovation die Basis für Wohlstand, erklärte Mahrer bei der „Zukunftsreise“, wie die Regierung den Trip bezeichnet. In Österreich gebe es einige Schwächen, darunter den Mangel an gut ausgebildeten Fachleuten.

Singapur hat mit einer Arbeitslosenquote von 2,2 Prozent im Jahr 2017 praktisch Vollbeschäftigung, setzt beim Thema Fachkräfte vor allem auf die Ausbildung im eigenen Land. Rund 92 Prozent der Singapurer Schüler in dem 5,6 Millionen Einwohner zählenden Land besuchen eine weiterführende Schule. Dennoch fehlen im IT-Bereich Fachkräfte. Das Land gehe dann in der Region gezielt auf die Suche nach gut ausgebildeten Kräften. Auch Kurz will diesen Weg gehen, erklärt er in Singapur. Zielländer könnten etwa Griechenland oder Polen sein, wo ein geringes Arbeitsplatzangebot für junge Menschen bestehe.

Zugleich soll die Austrian Business Agency (ABA) künftig nicht nur Investoren, sondern auch Fachkräfte ins Land holen. Auch die Regionalisierung der Fachkräftemangelliste soll in Kürze abgeschlossen sein. Dabei könnte laut Kurz etwa dem Fachkräftemangel im Westen im Tourismus mit einer regionalisierten Rot-Weiß-Rot-Card entgegengewirkt werden. Zuvor wolle man jedoch die Arbeitslosen in Österreich aus- und weiterbilden. Mit einer „Anpassung der Mindestsicherung“ will Kurz zudem Arbeitskräfte für den Niedriglohnsektor lukrieren, erklärte er bei einer Pressekonferenz.

Eine gewisse Skepsis zeigte hingegen Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP), wie man Teile des Bildungssystems des Landes übertragen könne. Um zu den Besten zu gehören, geben die Familien jährlich rund 700 Mio. € für Privatlehrer aus. In Österreich werden für Nachhilfe im Vergleich rund 100 Mio. € pro Jahr ausgegeben. Faßmann vermutet im Stadtstaat einen Drill, der von den Familien gesteuert werde.




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