Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 14.09.2018


Wirtschaftspolitik

24 % Zinsen: Notenbank zeigt Erdogan die kalte Schulter

Im Kampf gegen die Lira-Krise hob die türkische Notenbank den Leitzins drastisch auf 24 Prozent an und stellt sich damit gegen Staatschef Erdogan.

© AFPDie türkische Lira verliert immer mehr an Wert.



Istanbul — Dieser kräftige Zinsschritt kam letztlich doch völlig überraschend. Die türkische Notenbank hat am Donnerstag mitten in der veritablen Währungskrise ein Zeichen ihrer Unabhängigkeit demonstriert und die Zinsen deutlich von 17,75 Prozent auf 24 Prozent angehoben. Damit hat sich die Notenbank deutlich gegen Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan gestellt. Kurz vor der mit Spannung erwarteten Sitzung der Notenbank hatte Erdogan die Währungshüter zu einer weiteren Zinssenkung gedrängt und die Zentralbank kritisiert. Entgegen der gängigen Wirtschaftslehre sieht Erdogan Zinserhöhungen nicht als Instrument gegen Inflation, sondern als einen Treiber. An die Adresse der Währungshüter gerichtet hatte er vor Kleinunternehmern in Ankara gesagt: „Die Inflation ist das Ergebnis deines falschen Handelns. Und wer zahlt den Preis dafür? Eben. Das Volk und ihr Kleinunternehmer." Zudem forderte er: „Ich sage, lasst uns diese hohe Zinsen senken." Investoren hatten sich um die Unabhängigkeit der türkischen Notenbank gesorgt, die sich aber nun deutlich gegen die Forderung Erdogans stellte.

Experten hatten zwar mit einer starken Anhebung gerechnet, die Erwartungen der meisten Analysten wurden aber übertroffen. Die Notenbanker teilten zudem weiter mit, man werde den strafferen geldpolitischen Kurs durchziehen, bis es Verbesserungen bei der Inflation gebe. Falls nötig, würden weitere Zinserhöhungen folgen. Die Inflation in der Türkei lag zuletzt bei rund 18 Prozent. Die türkische Lira hat seit Beginn des Jahres etwa 40 Prozent an Wert verloren. Die hohe Inflation gilt neben dem hohen Leistungsbilanzdefizit als Hauptauslöser für die Lirakrise. Hinzu kommt ein politischer Streit mit den USA mit gegenseitigen Sanktionen.Unterdessen entschied Erdogan als Maßnahme gegen die Währungskrise, dass Geschäftsverträge zwischen in der Türkei lebenden Menschen nur noch in türkischer Lira und nicht mehr in Fremdwährungen wie Euro oder Dollar abgeschlossen werden dürfen. Der am Donnerstag veröffentlichte Erlass legt fest, dass diese Verträge innerhalb von 30 Tagen auf Lira umgestellt werden müssen. Das betrifft unter anderem Immobilienverkäufe und Mieten. Gerade in der Metropole Istanbul und in Touristengebieten werden Wohnungen häufig in Euro oder Dollar verkauft oder vermietet. Betroffen sind aber auch Verträge aus dem Transport und Finanzdienstleistungen. (dpa, APA)