Letztes Update am Do, 07.03.2019 14:57

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Konjunktur

EZB will Zinsen bis mindestens Ende 2019 unverändert lassen

Die Europäische Zentralbank läutete vergangenes Jahr das Ende ihrer Anti-Krisenpolitik ein. Doch steigende Risiken für die Konjunktur zwingen die Notenbank nachzujustieren.

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Frankfurt - Europas Währungshüter warten angesichts eingetrübter Konjunkturaussichten mit der ersten Zinserhöhung bis ins kommende Jahr. Bislang hatte die Notenbank erklärt, dass die Zinsen bis mindestens über den Sommer 2019 hinaus unverändert bleiben. Dieser Zeitraum wurde nun verlängert bis mindestens über das Jahresende hinaus, wie die Europäische Zentralbank (EZB) am Donnerstag im Anschluss an eine Sitzung des EZB-Rates mitteilte. Sparer müssen sich also noch gedulden.

Zugleich bietet die EZB Geschäftsbanken - wie in den vergangenen Krisenjahren mehrfach geschehen - erneut langfristige Kredite zu extrem günstigen Konditionen (TLTRO). Das Programm soll im September 2019 starten.

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Weiter Strafen für Guthaben bei EZB

Den Leitzins im Euroraum beließen die Währungshüter auf dem Rekordtief von null Prozent. Banken erhalten somit frisches Geld bei der Notenbank zum Nulltarif. Finanzinstitute, die bei der EZB Geld parken, müssen weiterhin 0,4 Prozent Strafzinsen zahlen.

Die Aussichten für die Konjunktur haben sich zuletzt deutlich eingetrübt: Internationale Handelskonflikte bremsen den Welthandel, das chinesische Wirtschaftswachstum fiel im vergangenen Jahr auf den niedrigsten Stand seit fast drei Jahrzehnten, zudem sorgen die Unwägbarkeiten des Brexits für Verunsicherung.

Bitter für Sparer

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) senkte ihre Wachstumsprognose für den Euroraum jüngst deutlich. Erwartet wird für 2019 ein Wirtschaftswachstum von 1,0 Prozent. Im November war die OECD noch von einem Plus von 1,8 Prozent ausgegangen. EZB-Chefvolkswirt Peter Praet warnte unlängst sogar vor einer möglichen Abwärtsspirale. "Das Wirtschaftsklima in der Eurozone verändert sich fundamental und nicht nur vorübergehend."

Für Sparer ist das anhaltende Zinstief bei steigender Inflation bitter. Sparbuch und Co. werfen kaum noch etwas ab. Solange die Teuerungsrate nahe der Nulllinie dümpelte, glich sich das in etwa aus. Bei wieder steigenden Verbraucherpreisen verlieren Sparer unter dem Strich aber Geld.

Gelder aus auslaufenden Papieren reinvestieren

Im Februar lag die Jahresteuerungsrate im Euroraum nach Angaben des Statistikamtes Eurostat bei 1,5 Prozent. Die EZB strebt mittelfristig eine Rate von knapp unter 2,0 Prozent an. Dieser Wert gilt als weit genug entfernt von der Nullmarke.

Frische Milliarden in Staats- und Unternehmensanleihen will die EZB zunächst nicht stecken. Allerdings werden die Gelder aus auslaufenden Papieren vorerst wieder investiert. Seit Beginn der Anleihenkäufe im März 2015 bis Ende 2018 hat die EZB Wertpapiere im Volumen von rund 2,6 Billionen Euro erworben. (APA, dpa, TT.com)


Was die EZB mit neuen langfristigen Geldspritzen bezweckt

Die Europäische Zentralbank (EZB) legt angesichts der jüngsten Konjunktureintrübung neue langfristige Geldspritzen für Geschäftsbanken auf. Die EZB beschloss am Donnerstag eine dritte Runde solcher Kreditlinien - kurz TLTRO-III. Es folgt ein Überblick über die zuletzt vergebenen Langfristkredite und die Grundzüge der neuen.

Was ist ein TLTRO?
Das sperrige Kürzel "TLTRO" steht für "Targeted Longer-Term Refinancing Operation", bedeutete also gezielte längerfristige Refinanzierungsgeschäfte. Das sind Kredite für Geschäftsbanken mit einer Laufzeit von Jahren. Das Ziel der EZB bei diesen speziellen Liquiditätsspritzen ist es, die Kreditvergabe im Währungsraum zu befeuern. Sie sind daher so gestaltet, dass Banken Anreize erhalten, Darlehen an die Wirtschaft zu geben.

Die jüngste Serie dieser Geldsalven (TLTRO-II) war mit sehr günstigen Konditionen ausgestattet. So erhielten Institute die Gelder zum Nulltarif, denn bei ihnen wurde der Leitzins von 0,0 Prozent veranschlagt. Darüber hinaus winkt ihnen eine Prämie von bis zu 0,4 Prozent, wenn sie nachweislich mehr Kredite vergeben. Die Laufzeit betrug vier Jahre. Mit dieser Konstruktion sollte erreicht werden, dass das Geld tatsächlich auch in Form von Darlehen zur Stützung der Konjunktur in der Wirtschaft ankommt.

Wie umfangreich waren die jüngsten Geldspritzen?
Eine erste Serie von derartigen Geldspritzen (TLTRO-I) hatten die Währungshüter auf ihrer Zinssitzung im Juni 2014 auf den Weg gebracht. Eine zweite Serie von vier großen Langfristdarlehen (TLTRO-II) mit Laufzeit von vier Jahren wurde im März 2016 beschlossen. Das erste Kreditgeschäft dieser zweiten Serie, das im Juni 2016 abgewickelt wurde, hatte ein Volumen von 399 Mrd. Euro, das zweite und dritte lag deutlich darunter. Das vierte erreichte dann wieder einen Umfang von 233 Mrd. Euro. Die Gelder müssen in den Jahren 2020 und 2021 zurückgezahlt werden. Das Volumen ausstehender Langfristkredite lag zuletzt noch bei rund 720 Mrd. Euro.

Wer hat zugegriffen?
Vor allem Banken in Italien, Spanien und Frankreich: Auf italienische Geldhäuser entfielen zuletzt noch ausstehende Langfristkredite in Höhe von annähernd 240 Mrd. Euro, spanische Institute werden mit rund 167 Mrd. Euro aufgeführt, Banken aus Frankreich mit etwa 112 Mrd. Euro. Für Institute in Deutschland ergibt sich ein Kreditvolumen von etwa 88 Mrd. Euro. Nach einer früheren Analyse des spanischen Bankhauses BBVA steht für einen Großteil der TLTRO-II-Gelder die Rückzahlung im Juni 2020 an.

Die neuen TLTRO
Die neuen Geldspritzen sollen eine Laufzeit von zwei Jahren haben und ab September 2019 ausgegeben werde. Sie sollen laut EZB-Chef Mario Draghi zur Aufrechterhaltung günstiger Kreditvergabekonditionen der Banken und zur reibungslosen Transmission der Geldpolitik dienen. Der Zinssatz ist über die Laufzeit der einzelnen Geschäfte an den Zinssatz für die Hauptrefinanzierungsgeschäfte gekoppelt.

Was soll eine Neuauflage bringen?
Die EZB könnte Banken damit auch helfen, eine Mitte des Jahres drohende Klippe zu umschiffen. Denn dann fällt die Restlaufzeit bestimmter TLTRO-Darlehen unter ein Jahr. Institute können die Gelder dann nicht mehr zur Berechnung bestimmter Finanzpolster (NSFR) heranziehen. Bei Italiens Banken klafft beispielsweise Schätzungen von Experten zufolge ab Sommer eine Lücke, da dann rund 140 Mrd. Euro aus der Berechnung herausfallen. Die neuen TLTRO sind allerdings erst ab September erhältlich.