Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 04.04.2019


Exklusiv

FWF-Chef Tockner: „Können uns in Forschung kein Mittelmaß leisten“

Österreich sei ein tolles Forschungsland, habe aber trotzdem Nachhol?bedarf, sagt der Präsident des Wissenschaftsfonds FWF, Klement Tockner.

Für Klement Tockner ist Tirol ein sehr guter Boden für Forscher.

© Foto TT/Rudy De MoorFür Klement Tockner ist Tirol ein sehr guter Boden für Forscher.



Von Alois Vahrner

Innsbruck – Im globalen Wettlauf um den Wohlstand spielen Forschung und Bildung die entscheidende Rolle schlechthin, sagt Tockner im Gespräch mit der TT. „Das ist die beste Versicherung einer Gesellschaft für die Zukunft.“ Wer künftig hier an der Spitze mitmischen wolle, der könne sich bei der Forschung keine Mittelmäßigkeit leisten. „Es ist eine Tatsache: Exzellenz zieht weitere Exzellenz an, das ist in der Forschung nicht anders als in der Wirtschaft. Spitzenforschung und Spitzenindustrie bedingen sich sogar.“

Tockner spricht sich gegen die in Österreich oft vorherrschende „Jammer-Kultur“ aus. Österreich sei ein „hervorragendes Forschungsland mit riesigem Potenzial“, das es aber weiter auszubauen gelte. Hier müsse die Regierung Mut beweisen, damit Österreich auch zur europäischen Spitze vorstößt. „Da reicht es nicht, an ein paar Schrauben zu drehen, da bringen nur große Schritte Österreichs Forscherinnen und Forscher voran.“

Über den Wissenschaftsfonds FWF stünden 220 Mio. Euro (davon gingen zuletzt 30 Mio. Euro nach Tirol) im Jahr für exzellente Forscherinnen und Forscher zur Verfügung, die Schweiz operiere mit dem fünffachen und Holland mit dem dreifachen Budget für Spitzenforschung. In Summe rollen in Österreich 11 Mrd. Euro im Bereich Forschung und Entwicklung, die Forschungsquote solle von 3,18 auf 3,76 Prozent steigen.

Für Tockner ist entscheidend, vor allem in der Grundlagenforschung nach vorne zu kommen. „Die angewandte Forschung versucht Herausforderungen zu lösen, die wir gerade jetzt haben. Die Grundlagenforschung setzt früher an und will Fragen und Probleme lösen, die wir heute noch gar nicht kennen. Beides zusammen ergibt das Wissen, aus dem Innovationen entstehen.“ Die Schweiz und Holland würden je 30 Prozent der Mittel in die wettbewerbsorientierte Grundlagenforschung lenken, Österreich dagegen weniger als 20 Prozent, kritisiert der FWF-Präsident, der als Biologe einst etwa die Ötztaler Ache kartiert hat.

Tirol sei sicher einer der drei besten Wissenschafts-Standorte. „Die Universitäten in Innsbruck gehören zu Österreichs besten Forschungsstätten“, so Tockner, der etwa auf die Quantenforschung oder die Medizin verweist. Hörimplantate der Firma Med-El (heute über 1500 Mitarbeiter) seien ein besonders erfolgreiches Beispiel, basierend auf Grundlagenforschung, Aber auch Landesrat Bernhard Tilg sei einst einer von etlichen Tiroler Preisträgern beim START-Programm gewesen.

Österreich habe mit 22 Universitäten, 14 Privatunis und 21 Fachhochschulen sowie etlichen Pädagogischen Hochschulen ein sehr großes Angebot. Das könne von Vorteil sein, wenn stärker Synergien gesucht werden, sonst sei die Fragmentierung ein Nachteil. Tockner verweist hier auf Uni-Rankings, wonach mit Wien nur eine Austro-Universität international unter den Top 100 aufscheint, hingegen alle 13 holländischen Universitäten. Das könne aber auch daran liegen, dass in Holland 50 Prozent der Mittel im Wettbewerb vergeben werden, in Österreich hingegen nur 20 Prozent. „Die Unis sollen sich noch stärker als Forschungseinrichtungen positionieren.“

Österreich müsse sich in der Forschung höchste Ziele setzen. Das gelte auch, um möglichst viel auf europäischer Ebene von den im Rahmen von Horizon Europe zur Verfügung stehenden Mitteln von insgesamt 100 Mrd. Euro einzuwerben. Das seien die „Champions-League-Mittel“.

Zu einigen politischen Diskussionen geführt hat der Plan des FWF, bisherige Frauen-Karriereförderprogramme auch für Männer zu öffnen. Man wolle die Programme ausbauen und diskutiere diese Reform ergebnisoffen, so Tockner. Ziel sei eine moderne Karriereförderung und mehr Mittel speziell für Frauen, weil in Gesamtsumme mindestens 50 Prozent der Gelder für Forscherinnen reserviert seien.