Letztes Update am Fr, 31.05.2019 06:02

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Klimawandel: „Tempo der Zerstörung reduzieren“

Hagelversicherungs-Chef Kurt Weinberger, der bei der Wiener Klimakonferenz die Aktivistin Greta Thunberg traf, warnt vor irreparablen Schäden durch den Klimawandel und fordert eine neue Kommunalsteuer.

85 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in Österreich sind gegen Hagel versichert.

© APA/Fohringer85 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in Österreich sind gegen Hagel versichert.



2018 war das wärmste Jahr, seit es Aufzeichnungen gibt. Seit wann erkennen Sie drastische Veränderungen?

Kurt Weinberger: Seit Ende der 80er-, Beginn der 90er-Jahre erkennt man zwei Wetterextreme: Dürre und Hochwasser. Die so genannten Jahrhundert-Katastrophen werden zu Ereignissen, die alle drei bis fünf Jahre stattfinden.

Greta Thunberg hat den Klimawandel als „Notfall“ und größte Krise der Menschheit bezeichnet. Sehen Sie ebenfalls eine Krise?

Weinberger: Gerade als Finanz- und Risikomanager gehe ich mit Begrifflichkeiten wie Krise und Katastrophe sehr vorsichtig um. Aber beim Klimawandel haben wir es mit einer Krise zu tun. Weil bereits Schäden entstanden sind, die irreparabel sind. Jeder, der vertrösten will, fügt den künftigen Generationen fast vorsätzlich einen massiven Schaden zu. Eine vollständige Heilung dieser Klimaentwicklung ist ausgeschlossen, wir können nur noch eine Therapie einleiten, die das Tempo dieser Zerstörung reduziert.

Ein Ansatz der Hagelversicherung ist die Warnung vor der Bodenversiegelung. Gibt es hier Fortschritte?

Weinberger: Neben dem globalen Umweltproblem ist die Zerstörung unserer Lebensgrundlage durch die Verbauung ein selbst gemachtes Problem. Wenn wir weiter täglich Flächen von 20 Fußballfeldern zubetonieren, gibt es in 200 Jahren in Österreich keine Agrarflächen mehr. Positiv ist, dass die absolute täglich verbaute Fläche von 20 auf 12 Hektar zurückgegangen ist. Das ist aber immer noch viel zu viel. Auch die letzte Regierung hat sich verpflichtet, dies auf 2,5 Hektar zu limitieren.

Fehlt der Politik die Weitsicht oder die legistische Handhabe?

Weinberger: Eine Ursache für diese deutliche Fehlentwicklung ist, dass die Kommunalsteuer falsch steuert, weil damit jeder Bürgermeister als Raumordnungsbehörde einen Anreiz bekommt, Umwidmungen in einem hohen Tempo zuzulassen, weil er kurzfristige Einnahmen vor Augen hat. Experten schlagen vor, die Raumordnung auf Gemeindeebene zu belassen, aber die Kommunalsteuer auf Landesebene zu transferieren. Auch braucht es eine schärfere übergeordnete Raumordnung, die jetzige ist zahnlos.

Macht die Politik genug gegen den Klimawandel?

Weinberger: Wir brauchen das Verständnis, dass wir unser Konsumverhalten verändern müssen, dazu gäbe es vernünftige globale Instrumente, die Klimaabkommen. Man braucht stärkere Abkommen mit entsprechenden scharfen Sanktionen. Auch Österreich hat alle diese Klimaabkommen verfehlt, beispielsweise Kyoto.

Wo hat Österreich Fehler gemacht?

Weinberger: Österreich hat ein Verkehrsproblem, hier gab es in den letzten 20 Jahren einen Zuwachs der Emissionen um 60 Prozent. Nach wie vor gibt es in Österreich das dichteste Straßennetz, nach wie vor werden Umfahrungen gebaut. Die Abschaffung der Flugticketabgabe halte ich für grob fahrlässig, auch dass das Flugbenzin steuerfrei ist. Ein Versäumnis ist, dass wir keine Steuerpolitik haben, in der das Verbrennen fossiler Energien belastet und damit der Umbau Richtung erneuerbare Energien unterstützt wird.

Was bedeuten die Wetterex­treme für die Versicherung?

Weinberger: Unsere Strategie ist es nicht, die Prämien zu erhöhen, weil das auch nicht leistbar ist, sondern dass wir einerseits mehr Risiken versichern, um eine bessere Streuung zu bekommen. Und wir sind heute in fünf osteuropäischen Staaten tätig, um dieses System in Österreich tragfähig zu halten.

Gibt es ausreichend Rückhalt durch die Politik?

Weinberger: Seit dem EU-Beitritt gibt es für Landwirte einen Prämienzuschuss von 50 Prozent, dieser wurde im letzten Jahr auf 55 Prozent erhöht. Nun sind mehr Landwirte versichert, damit braucht der Staat im Schadensfall keine Entschädigungszahlungen mehr zu leisten.

Das Gespräch führte Cornelia Ritzer