Letztes Update am Mo, 09.09.2019 15:38

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Geldpolitik

Experten: Draghi dürfte noch einmal in „die Vollen gehen“

Führende Ökonomen halten eine weitere Zinssenkung und Erleichterungen für Banken für sehr wahrscheinlich. Die mögliche Neuauflage von Anleihenkäufe ist aber umstritten. Viele Volkswirte rechnen auch mit einem neuem Zinsausblick.

Der scheidende EZB-Chef Mario Draghi.

© AFPDer scheidende EZB-Chef Mario Draghi.



Frankfurt – EZB-Präsident Mario Draghi dürfte auf den letzten Metern seiner Amtszeit noch einmal ein großes geldpolitisches Feuerwerk zünden. Ökonomen gehen davon aus, dass der EZB-Rat auf seiner Zinssitzung am Donnerstag in Frankfurt die bereits sehr offenen Geldschleusen noch weiter aufreißen wird. Erwartet wird ein ganzes Bündel an Schritten zur Stützung der Konjunktur.

Eingetrübte Konjunkturaussichten, eine aus Sicht der Europäischen Zentralbank (EZB) viel zu schwache Inflation und dazu die US-Handelskonflikte und der nahende Brexit: Das setzt die Währungshüter mächtig unter Zugzwang. Erwartet wird ein ganzes Bündel an Maßnahmen zur Stützung der Konjunktur. Für Draghi ist es bereits das vorletzte Zinstreffen. Ende Oktober läuft seine Zeit am Steuer der Euro-Notenbank nach acht Jahren ab.

„Wie eine sichere Wette“

„Am Donnerstag dürfte die EZB ein Maßnahmenpaket aus Leitzinssenkung, Staffelzins und neuen Anleihenkäufen ankündigen, um ein starkes Signal zu senden“, ist sich Commerzbank-Volkswirt Michael Schubert sicher. Der Umfang der Schritte dürfte dabei auch von neuen Inflations- und Wachstumsprognosen der EZB-Volkswirte abhängen, die den Euro-Wächtern am Donnerstag vorliegen werden. „Ein noch tieferer Einlagensatz schaut wie eine sichere Wette aus“, meint Andrew Kenningham, Chefvolkswirt Europa des Analysehauses Capital Economics. Er erwartet, dass der Zinssatz von minus 0,4 auf minus 0,5 Prozent gesenkt wird. Andere Experten halten auch einen Schritt auf minus 0,6 Prozent für möglich.

Der Einlagenzins ist bereits seit 2014 negativ. Seitdem müssen Banken Strafzinsen zahlen, wenn sie bei der EZB überschüssiges Geld parken. Der Schlüsselsatz zur Versorgung der Geschäftsbanken mit Geld liegt seit März 2016 auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent. Experten zufolge werden Draghi & Co die Zinssenkung wahrscheinlich mit Erleichterungen für Banken koppeln, um die Nebenwirkungen noch höherer Strafzinsen zu mildern. Jörg Angele, Analyst beim Schweizer Bankhaus Bantleon, glaubt, dass der EZB-Rat aus diesem Grund einen gestaffelten Einlagensatz einführen wird.

Anleihenkäufe höchst umstritten

Eine Neuauflage der Anleihenkäufe ist dagegen wesentlich strittiger, wie unlängst von Notenbank-Insidern zu erfahren war. Bundesbank-Chef Jens Weidmann, EZB-Direktorin Sabine Lautenschläger, der Notenbankchef der Niederlande, Klaas Knot, und zuletzt auch der Gouverneur der Banque de France, Francois Villeroy de Galhau, hatten alle öffentlich Bedenken geäußert. Die EZB erwarb bereits fast vier Jahre lang bis Ende 2018 Staatsanleihen und andere Wertpapiere im Umfang von 2,6 Billionen Euro.

Trotz der Bedenken gehen viele Experten davon aus, dass sich Draghi am Ende bei den Anleihenkäufen durchsetzen wird. „Aus EZB-Sicht rührte der größte Anschub-Effekt für Wachstum und Inflation bislang tatsächlich von den Anleihenkäufen her“, sagt etwa Kjersti Haugland, Chefvolkswirtin des norwegischen Bankhauses DNB. Sie erwartet einen Neustart der Transaktionen mit einem monatlichen Kaufvolumen von 50 Milliarden Euro für mindestens sechs Monate.

Aus Sicht von Bantleon-Experte Angele dürfte mit den neuen Käufen auch der Zeitpunkt einer möglichen Zinserhöhung noch weiter nach hinten rücken. „Entsprechend wird die Notenbank ihre Forward Guidance erneut anpassen und Zinsanhebungen bis Ende 2020 ausschließen.“ Bisher gilt dies nur bis Mitte 2020. Letztmalig hatte die EZB im Jahr 2011 ihre Schlüsselzinsen angehoben. (APA, Reuters)