Letztes Update am Do, 26.09.2019 13:13

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Klimawandel

Nachhaltige Finanzprodukte: Wien kritisiert geplante EU-Definition

Mehr oder doch weniger grüne Geldanlagen sollen bis spätestens 2022 einheitlich gekennzeichnet werden. Österreich ist dagegen, dass die EU dadurch auch Investitionen in Atom und sogar Kohle als nachhaltig einordnet. Die Mehrheit der Mitgliedsstaaten nickte den Entwurf aber ab.

Die Klassifizierung von Kernenergie als nachhaltige Energiequelle ist mit Milliarden an privaten Investments für AKW verbunden, kritisiert Österreichs Finanzminister.

© imago stock&peopleDie Klassifizierung von Kernenergie als nachhaltige Energiequelle ist mit Milliarden an privaten Investments für AKW verbunden, kritisiert Österreichs Finanzminister.



Wien, Brüssel – Umweltfaktoren haben für Firmenbewertungen, Finanzprodukte und Finanzinstrumente an Bedeutung gewonnen. Es geht um ökologisches, nachhaltiges und ethisch korrektes Handeln. Die EU hart sich des Themas angenommen und will einheitliche Kriterien für nachhaltige Investitionen. Österreich ist dagegen, dass die EU dadurch auch Investitionen in Atom und sogar Kohle als nachhaltig einordnet.

In Brüssel ist gestern über einen Verordnungsentwurf zu einer sogenannten Taxonomie also Klassifizierung für EU-weit einheitliche Kriterien abgestimmt worden, die bestimmen sollen, welche Finanzprodukte und Investitionen sich ab 2022 als nachhaltig im ökologischen Sinne deklarieren dürfen. Es kam auch zu einer Einigung - obwohl außer von Österreich auch von Deutschland Widerstand dagegen kam, dass ins EU-weite Klassifizierungssystem für nachhaltige Geldanlagen auch Investitionen in Kernenergie und –kraftwerke und Kohle aufgenommen werden können.

Kernenergie als „grün“ definiert

„Atomenergie ist keine nachhaltige Energie. Daher hat Österreich auch gegen das Verhandlungsmandat gestimmt“, teilte Finanzminister Eduard Müller mit. „Gemeinsam mit anderen Atomausstiegsstaaten wie Deutschland sind wir in Brüssel entschieden dagegen aufgetreten.“ Zur Kohlethematik hieß am Mittwoch aus dem Finanzministerium auf APA-Nachfrage: „Österreich ist auch gegen die Klassifizierung von Kohle als nachhaltig. In der gestrigen Sitzung wurde aber hauptsächlich Nuklearenergie thematisiert.“ Die Mehrheit der Mitgliedsstaaten nickte den Entwurf jedenfalls ab.

Die Klassifizierung von Kernenergie als nachhaltige Energiequelle ist mit Milliarden an privaten Investments für AKW verbunden, kritisiert Österreichs Finanzminister. „Die reine Reduzierung von CO2-Emissionen reicht nicht aus. Es muss eine gesamthafte Betrachtung erfolgen“, fordert Müller. Es gehe um die Sicherheit der Atomenergie bis zur Frage der Endlagerung des Atommülls. „All diese Probleme sind ungelöst und Nachhaltigkeit ist somit nicht gewährleistet.“

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„Greenwashing“

Das gibt es noch ein sogenanntes Greenwashing: Finanzprodukte werden als grüner beworben, als sie sind. Auch haben manche Länder eigene Definitionen und Labels für Nachhaltigkeit definiert, wodurch derzeit noch ein undurchsichtiger Fleckerlteppich herrscht.Im nächsten Schritt müssen die Regierungen der Mitgliedstaaten jedenfalls noch mit dem EU-Parlament abstimmen. Die Thematik ist also noch nicht durch.

Atomstrom ist keineswegs CO2-neutral (Strom aus Kohle durch deren Verbrennung schon gar nicht). Atomkraftwerke verursachen im Betrieb zwar keine CO2-Emissionen, aber Treibhausgasemissionen entstehen vor- und nachgelagert, so das deutsche Umweltbundesamt. Betrachtet man vor allem den Uranabbau und die Brennelementherstellung und Endlagerung -, so ist in den einzelnen Stufen des Zyklus zum Teil ein hoher Energieaufwand nötig, wodurch Treibhausgase emittiert werden. Atomkraft verursacht deutlich weniger CO2-Emissionen als Kohlekraftwerke, aber mehr als die erneuerbaren Energien.

Die EU-Kommission hatte im vergangenen Frühjahr eine Reihe von Gesetzesvorhaben auf den Weg gebracht, um umweltfreundliche Investitionen zu fördern. Heuer im Februar einigte sich das EU-Parlament mit den Mitgliedstaaten bereits auf zwei neue Finanzlabels für Projekte, die geringe CO2-Bilanzen aufweisen. (APA)