Letztes Update am Do, 02.04.2015 11:31

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Einigung im Gasstreit

EU-Gasnetz ist Trumpf der Ukraine im Ringen mit Russland

Die Ukraine und Russland haben sich im Gasstreit zumindest für die nächsten drei Monate geeinigt. Die Vereinbarung ist für die Ukraine überraschend günstig ausgefallen.

© Keystone(Symbolfoto)



Kiew/Moskau – Die Ukraine hat sich überraschend mit Russland auf Gaslieferungen geeinigt und dabei weit bessere Konditionen ausgehandelt als in der Vergangenheit. Denn der Ausbau des Gasnetzes zur EU ist deutlich vorangekommen, und die Ukraine könnte inzwischen zu großen Teilen vom Westen aus versorgt werden.

Damit sind die Chancen der Ukraine Experten zufolge deutlich besser als 2014, als monatelang um das sogenannte Winterpaket gefeilscht wurde. Nach den am Donnerstag vereinbarten kurzfristigen Lieferungen soll bereits Mitte April ein Abkommen stehen, das die Konditionen bis zum Frühjahr 2016 festlegt. Die Ukraine gab eine Einigung mit Russland für die nächsten drei Monate bekannt: Der Preis pro 1.000 Kubikmeter beträgt danach 248 Dollar (230,59 Euro), gut ein Viertel weniger als noch im Winterpaket ausgehandelt.

Eigentlich wollte Russland ab diesem April sogar höhere Preise als im Winterpaket, doch die Zeiten für „politische“ Preise - je nachdem, wie nahe der Kunde Russland steht - sind durch die bessere Vernetzung schwierig geworden. „Die Verhandlungsposition der Ukraine hat sich deutlich verbessert, seitdem die technischen Barrieren beim Gasfluss zunehmend verschwinden“, sagt Harald Hecking vom Energiewirtschaftlichen Institut der Uni Köln (EWI), das die Entwicklung des Gasnetzes in Europa untersucht hat. „Dadurch löst sich das physisch bedingte Monopol Russlands zunehmend auf.“

EU profitiert auch von Einigung

Die Ukraine hatte zuletzt noch rund die Hälfte ihres Gases aus Russland bezogen. Die EU bekommt von dort rund ein Drittel, wovon wiederum fast die Hälfte durch die Ukraine fließt. Vor allem um diesen Lieferweg zu sichern, hat die EU großes Interesse an einer Verständigung zwischen den östlichen Nachbarstaaten.

Eigentlich läuft der Gasstrom von den meist sibirischen Quellen Richtung Westen bis nach Deutschland, Italien und Frankreich. Doch nachdem bereits 2009 ein Streit zwischen Russland und der Ukraine über Preise und Lieferungen ausgebrochen war und zeitweise auch weniger Gas in der EU ankam, wuchs die Sorge vor einem Winter ohne ausreichende Brennstoffversorgung. Befürchtet wurde vor allem, die Ukraine könne im Zuge des Streits für die EU bestimmtes Transit-Gas für sich selbst abzweigen.

Besonders osteuropäische Länder wie die Slowakei und Bulgarien sind auf russisches Gas angewiesen. Deshalb wurde damit begonnen, als Absicherung das Röhrennetz zwischen den EU-Staaten für gegenseitige Hilfslieferungen auszubauen. Mehr noch: Vor allem wurden Netz und Pumpstationen so aufgerüstet, dass Gas auch von West nach Ost fließen konnte und so selbst die Ukraine mitversorgt werden konnte. Dieser sogenannte „Reverse Flow“ eröffnete neue Geschäftsmodelle.

Ukraine könnte niedrigere EU-Preise nützen

Einen Anreiz gibt es dafür schon allein, weil mehrere EU-Staaten niedrigere Preise als die Ukraine zahlen. So nahm 2014 auch der deutsche RWE-Konzern Lieferungen in die Ukraine auf. Woher das Gas kommt, bleibt offen: Letztlich könnte dieses Gas aus Sibirien stammen, doch als Lieferanten kommen auch Großbritannien, die Niederlande und Norwegen infrage.

2013 und 2014 flossen nach Expertenschätzungen höchstens zehn Prozent des Bedarfs aus dem Westen in die Ukraine. Die Kapazitäten zum „Reverse Flow“ blieben teils unter den technischen Möglichkeiten, da rechtlich strittig war, ob der Fluss mit Verträgen zwischen osteuropäischer Staaten und dem russischen Gazprom -Konzern im Einklang stünden. Seit Anfang 2015 ist jedoch ein Engpass an der slowakischen Grenze beseitigt, über den - auch rechtlich unstrittig - allein fast 20 Prozent des ukrainischen Verbrauchs gedeckt werden könnte. Auch aus Polen und Ungarn können seit diesem Jahr deutlich höhere Mengen nach Osten gepumpt werden. „Dieser Ausbau des Umkehrflusses ist ein Schlüssel für die Ukraine“, sagt Hecking vom EWI.

Die ukrainische Regierung argumentiert daher, sie bräuchte eigentlich gar kein Gas mehr aus Russland. Experten bezweifeln aber, dass das Land so unabhängig ist. „Umkehr-Flüsse reduzieren die Auswirkungen von Lieferunterbrechungen, aber sie reichen nicht, um russisches Gas völlig zu ersetzen“, heißt es in der Studie des EWI. „Bei einem sehr kalten Winter wird das Gas voraussichtlich nicht zuerst in die Ukraine geliefert“, sagt Hecking. Die Gasspeicher der Ukraine sind derzeit nur zu einem knappen Viertel gefüllt, und das Land will diese Reserve wieder auffüllen, um in der Auseinandersetzung mit Russland auf der sicheren Seite zu sein. (APA/Reuters)